Zeitung Heute : Osteuropa gibt sich ein neues Gesicht

CHRISTOPH V.MARSCHALL

Der Eiserne Vorhang war viel trennender, als es die nach Osten verlegten NATO- und EU-Außengrenzen je sein werden.Der Abbau der Barrieren wird fortschreiten.VON CHRISTOPH V.MARSCHALL Es ist wie nach einer Eiszeit: Den kalten Panzer, der Osteuropa ein politisches Zeitalter lang einschloß, haben die Völker 1989 gesprengt.Mit dem Tauwetter kam nach und nach die eigentliche Oberfläche wieder zum Vorschein, teils unverändert in ihrem ursprünglichen Charakter, teils geprägt durch die Zwangsgewalt, mit der die Diktatur das nationale Urgestein zu einer Einheitslandschaft umzuformen versucht hatte.In diesem Gelände brechen sich die heutigen Strömungen ihre Bahn, schaffen ein neues Relief.Inzwischen sind die Kartographen ans Werk gegangen und die politischen Landschaftsplaner.Allmählich treten die Konturen hervor, die künftig das politische und ökonomische Gesicht Europas prägen werden.Die NATO hat sich, zaudernd noch, weil sie ihrem inneren Zusammenhalt mißtraut, auf drei Beitrittskandidaten beschränkt; die EU-Kommission mit fünf Einladungsempfehlungen (plus Zypern) etwas mutiger nachgezogen.Aber sofort erhebt sich der altbekannte Protest der zunächst Draußengebliebenen: Keine neuen Gräben in Europa! In der Tat bilden sich da unterschiedliche Zonen heraus.Am dichtesten an Westeuropa sind Polen, Tschechen und Ungarn, nicht zu vergessen die besonders erfolgreichen Slowenen.In zehn Jahren werden sie, wenn ihre Integration nicht an westlicher Reformunfähigkeit scheitert, so selbstverständlich dazugehören, wie heute Spanien und Portugal, elf Jahre nach deren EU-Beitritt.Die Slowakei hängt zurück, vor allem wegen ihres autoritär-populistischen Premiers Meciar, könnte jedoch nach einem politischen Wechsel aufholen.Die Balten sind auf Europakurs - in unterschiedlichem Tempo: Estland stürmt voraus, Litauen hat sich von seiner wirtschaftspolitischen Verspätung berappelt und wird bald von Polens Sog profitieren.Lettland trägt am schwersten an der Deportation seiner Eliten und der russischen Ansiedlung in der Sowjetzeit, profitiert aber davon, daß seine Hauptstadt Riga die unbestrittene Metropole des Baltikums ist.Die rasche Aufnahme eines Staates, wie sie sich mit der nach den Daten geradezu zwingenden EU-Einladung an Estland abzeichnet, nutzt wegen ihrer Signalwirkung auch den anderen beiden. Rumänien und Bulgarien sind klare Anwärter für eine zweite Erweiterungsrunde.Sie wechseln zwischen Perioden überraschender Modernisierung und Phasen der Stagnation, ja des Rückfalls und müssen zeigen, daß die Fortschritte nicht nur temporär, sondern langfristig verläßlich sind.Sie sind jedenfalls weiter als Rußland und die Ukraine, ganz zu schweigen von Weißrußland, das unter dem Diktator Lukaschenko einen Tiefpunkt seiner Geschichte durchleidet. Von neuen Trennungslinien, die angeblich der Westen willkürlich ziehe, kann also als Grundmuster keine Rede sein.Wenn Polen, Tschechien und Ungarn als ersten die Integration angeboten wird, so liegt das nicht, wie oft behauptet wird, an einem Weltbild, das den von westeuropäischer Kultur geprägten Raum bevorzugt, die orthodoxe und moslemische Welt dagegen diskriminiert.Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Sie ernten den Lohn konsequenter Reformbemühungen.Eben das ist der Unterschied zur Ordnung von Jalta: Heute entscheiden die Völker durch ihre Leistung selbst, zu welchen Zonen Europas sie gehören.Zur Sorge, neue Mitglieder würden nach ihrer Aufnahme wegen alter Spannungen mit ihren Nachbarn gegen deren Beitritt arbeiten, besteht immer weniger Anlaß.Warschau ist heute Anwalt Litauens und der Ukraine - auch dank eigener Erfahrung mit deutscher Fürsprache; man hat begriffen, daß Stabilität beim Nachbarn zu den besten Sicherheitsgarantien gehört.Ähnliches gilt neuerdings für Ungarn und Rumänien.Die Zugehörigkeit zu EU und NATO wird eine befriedende Wirkung auf früher gespannte Beziehungen der Völker untereinander haben.Und ihr Verhältnis zu Moskau wird sich entspannen, je sicherer sie sich vor neuer Hegemonie fühlen. Das Wort von den "neuen Gräben" ist auch irreführend, weil es suggeriert, hier werde Spaltung erst geschaffen.Der Eiserne Vorhang war viel trennender, als es die nach Osten verlegten NATO- und EU-Außengrenzen je sein werden.Dieser Abbau der Barrieren wird fortschreiten, je mehr Länder beitrittsfähig werden - vorausgesetzt, EU und NATO bringen endlich jene Reformen zustande, die Vorbedingung ihrer Aufnahmefähigkeit sind.

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