Ostpreußen : Auf Spürfahrt

Sechs Deutsche reisen durchs ehemalige Ostpreußen: zwei Gräfinnen, ein Wissenschaftler, eine Politikerin, ein Dirigent und seine Mutter. Sie suchen etwas – den Himmel, die Stille, den Klang einer Landschaft. Und dann kommen sie an dieses Haus, in dem eine einst Kind war

Christine Lemke-Matwey

MasurenEs ist der Tag der Tage. Wir fahren nach Steinort, dem ehemaligen Stammsitz der Grafen von Lehndorff seit 1420. Die Sonne scheint, wie sie es auf dieser Reise vorher nicht tat und hinterher nicht tun wird. Blond, bittersüß, mehr Sehnsucht nach Wärme weckend als wärmend. Und der „große Himmel des Ostens“, er spielt seine Trümpfe, preußisch- blau, die Wolken wie frisch gewaschen, so weiß. „La Prusse orientale“ nennen Franzosen, die als Kriegsgefangene hierher gerieten, dieses Land: eine Verbeugung vor seiner Schönheit, ein Versprechen. Ostpreußen, Masuren zumal, ist eine Chiffre: für Fernweh und Heimweh, für das allerletzte Märchen. Anrüchige Gefühle? Die Heimatvertriebenen, die heute noch leben, waren 1945 Kinder.

Die Reisegruppe besteht aus Karin Dönhoff, Vera Lehndorff, Antje Vollmer, Christian Thielemann, Sybille Thielemann und Kilian Heck. Zwei ostpreußische Adelige, die ehemalige grüne Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, ein Stardirigent, dessen Mutter und ein Kunsthistoriker. Ausgedacht hätte sich diese Konstellation so schnell niemand. Sechs Personen suchen – ein Abenteuer? Das Deutsche? Alte Wunden? Lehndorff und Dönhoff sind Cousinen, Lehndorff und Vollmer kennen sich aus New York, Dönhoff, Thielemann und Heck rückten während der Arbeit an einem Buch über Schloss Friedrichstein näher zusammen, den Besitz der Grafen von Dönhoff südlich von Königsberg. Man duzt sich also. Und allen geht es um Steinort.

Zehn Stunden sind es mit dem Auto von Berlin nach Sorquitten/Sorkwity in Masuren, nur viereinhalb vom Warschauer Flughafen. Das Kopfsteinpflaster bellt, bunt geschmückte Holzkreuze säumen die Straßenränder, auch Tierkadaver, Pilze eimerweise und zum Verkauf. Tschernobyl kommt einem in den Sinn, und wie gefährlich Ostpreußen doch ist.

Das Hotel, ein ehemaliger Gutshof, liegt hübsch drapiert am kleinen Lampatzkisee. Mutter Thielemann stellt vor, Gräfin Dönhoff, Gräfin Lehndorff, flüchtiges Händereichen. Als ob das mit den Namen so einfach wäre. Vera Gottliebe Anna von Lehndorff-Steinort etwa kennt die Welt wahlweise als Vera Gräfin Lehndorff, als Vera Lehndorff mit und ohne „von“ und natürlich als Veruschka. Die „nackte Gräfin“, das erste deutsche Supermodel nach dem Krieg, 1 Meter 83, preußisches Gardemaß. Die anonyme Schöne aus Antonionis „Blow Up“. Die Künstlerin, die in ihren Installationen Ende der 70er Jahre bis zur Unkenntlichkeit verschwindet: als Stein unter Steinen, als Ast im Gehölz. „Bilder auf der Flucht“, sagt die Essayistin Susan Sontag dazu. Kunst als Hingabe, als tiefstes erreichbares Versinken. Kein Körper, nirgends. Kein Ich.

Veruschka: „Mörderkind“ in der Nachkriegszeit, Model, Muse. Jetzt ist sie 68 und will Schloss Steinort wiedersehen, wo sie ihre frühe Kindheit verbrachte, zwei Ponys hatte, Max und Moritz, und mit ihrer älteren Schwester Nona an der Hand von Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop die 300 Jahre alten Alleen entlangspazierte. Mit dem Bezug der nahen Wolfsschanze durch Adolf Hitler am 24. Juni 1941 wird ein Teil des Schlosses als „Feldquartier“ für Ribbentrop requiriert, bleibt aber Wohnort der Familie – heikel genug. Denn Veras Vater, Heinrich Graf von Lehndorff, gehört zur Bewegung des 20. Juli. Wie gern sie als Vierjährige mit ihm auf der Bank vor dem Schloss gesessen ist, auch daran erinnert sie sich noch. Und den Knochenbau, das Hochgewachsene, ja, das hat sie wohl von ihm.

Lehndorff springt aus dem Fenster, als die Gestapo nach dem missglückten Hitler-Attentat anrückt, flieht, stellt sich, flieht erneut, wird gefasst und am 4. September 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Mit seinem Tod sei alle Zärtlichkeit aus ihrem Leben gewichen, sagt seine Tochter auf dem Weg nach Morag/Mohrungen, wo vor dem Herder-Museum die alte Steinorter Sonnenuhr steht. Es gab ihn ja nicht mehr, diesen unerhört attraktiven, aufrechten Menschen, Vater und Ehemann, der seine Frau noch im Abschiedsbrief damit tröstete, dass er sich an einer dünnen Suppe während der Wochen im Gefängnis ebenso habe erfreuen können wie einst an einem „dicken Jagddiner“.

„Landangesessen, konservativ, protestantisch“, so beschreibt Marion Dönhoff, die legendäre Herausgeberin der „Zeit“, das Milieu ihrer jungen Jahre, getragen von Werten wie „Ehre, Gemeinsinn und Loyalität“. Gewiss, auch eine „gewisse Enge“ konstatiert sie, einen „Mangel an Toleranz Andersdenkenden gegenüber“. Könnte es sein, dass der individuelle Ostpreußentourismus des 21. Jahrhunderts sich genau jener „guten“nostalgischen Tugenden vergewissern will, des Geborgenseins in der Natur, jenes gleichsam unverstellten Daseins – allen historischen Implikationen, allen Tabus zum Trotz? Die einen finden ihr Heil heutzutage auf der Alm, die zweiten auf Bali und die dritten auf der Kurischen Nehrung?

Wer entsprechende politisch korrekte Bedenken in den Wind schlägt, gilt rasch als Revanchist oder naiv oder als beides. Christian Thielemann mit seinem unverhohlenen Ostpreußenfaible und seinem Seitenscheitel und seiner Vorliebe fürs deutsche romantische Repertoire durfte das oft genug erfahren. Die Tatsache, dass hier von ehemaligen deutschen Ostgebieten die Rede ist, auf die die Bundesrepublik 1970 verzichtete, erst 1970, hat das Land – zumindest für deutsche Bekenntnisse, Liebesschwüre, Sehnsüchte – kontaminiert, Tschernobyl ist nichts dagegen. Die Befangenheiten rund um das Berliner Zentrum für Vertreibung liefern dafür nur den aktuellen Beweis. Über den Alleen, den Wäldern, der Schneewittchenfrische der 3000 masurischen Seen hingegen liegt dieser Tage ein versöhnliches Lächeln. Die Natur kennt keine Schuld.

Was suchen Sie hier, frage ich Thielemann am zweiten Abend. Das Kaminfeuer prasselt, es gibt Wildschweinbraten. Die Antwort fällt einsilbig aus.

– Ruhe. Stille. Landschaft. Das Nicht- Funktionieren-Müssen.

Sie machen doch ohnehin nicht so viel, Herr Kapellmeister.

– Vielleicht habe ich weniger Zeit zum Dirigieren als andere. Ich will leben. Lesen. Reisen. Faulseindürfen. Ich will auch mal abrüsten, man panzert sich doch dauernd. Badet in Drachenblut.

Auch in der Musik?

– Nee, aber gegen den Musikbetrieb.

Wie klingt Ostpreußen?

– Wie Bruckner.

Der Erzkatholik?

– Wie Bruckner, wenn man ihm eine protestantische Strenge angedeihen lässt.

Die Erotik des Gegensatzes?

– Ich liebe ein gewisses Pathos in der Musik und ich liebe die Klarheit einer barocken Schlossfassade wie in Friedrichstein oder Dönhoffstädt. Ganz einfach.

Kennen Sie die Wolfsschanze?

– Nein. Das ist mir zu unharmonisch.

Es ist gar nicht so leicht, sich in dieser Gruppe zu diesem Ostpreußen ins Verhältnis zu setzen. Wer hat hier das Recht auf welches Gefühl? Der Vater der Reporterin stammt aus Insterburg, gewiss, aber das heißt heute Tschernjachowsk und liegt in Russland, und gegen das Passieren der polnisch-russischen Grenze muss die Einreise in die frühere DDR ein Klacks gewesen sein. Karin Dönhoff beispielsweise fährt seit den 60er Jahren nach Masuren, mit Familienmitgliedern und anderen Interessenten. Von ihrem Elternhaus Gut Skandau kaum zehn Kilometer nördlich von Dönhoffstädt steht kein Stein mehr auf dem anderen. An ihre zwei niedlichen weißen Ziegen denkt sie gern und daran, wie unheimlich es war, vom Kindertrakt des Hauses durch den immerdunklen Saal in Richtung Küche zu laufen. Sonst weiß auch sie nicht mehr viel. Die Erinnerungen ihres Vaters Dietrich Dönhoff, eine handgeschriebene Kladde, sind verschollen. Und, später, ob sie will oder nicht, reist sie unter der Flagge der „Gräfin“, ihrer Tante Marion.

Im „Marion-Dönhoff-Gymnasium“ in Nikolaiken proben halbwüchsige Schülerinnen gerade einen Rap, auf Polnisch. An die Schulflurwand finden sich Marion-Zitate gepinnt, auf Deutsch. Darunter eines, das ihrem berühmten Satz – „Vielleicht ist dies der höchste Grad der Liebe: zu lieben ohne zu besitzen“ – auf Anhieb zu widersprechen scheint: „Wenn man mir heute sagte, ich hätte in drei Tagen einen tödlichen Unfall, würde ich damit leichter fertig werden als mit dem Verlust meiner ostpreußischen Heimat.“ Ein Widerspruch? Wer glaubt denn, dass Dönhoffs Befürwortung der Ostverträge, ihr offizieller Verzicht auf alles nicht auch schmerzhaft war und traumatisch? Wer denkt denn, dass es nur die eine Marion gegeben hat – die, die nie die Contenance verlor?

Und erst die anderen, Ostpreußen-Privilegierte allesamt: Antje Vollmer, die die ganze Welt kennt; Sybille Thielemann, die aus Stettin stammt und in den 60er Jahren in Berlin-Schlachtensee eine ostpreußische Haushaltshilfe beschäftigte; und Kilian Heck, der ohnehin alles weiß und sich in Steinort mit einem Kunsthistorikerkollegen aus Posen verabredet. Piotr Korduba spricht fließend Deutsch und besitzt ein gespenstisches Gedächtnis dafür, welche Kommode und welcher Gobelin aus welchem Herrenhaus oder Schloss sich heute wo befindet. Dem kulturellen Erbe des ehemaligen Ostpreußen gilt seine ganze Leidenschaft, als Wissenschaftler findet er das normal. Und über Donald Tusks Wahl zum neuen polnischen Präsidenten, über ein wieder liberaleres, offeneres Polen hat er sich sehr gefreut.

Korduba versteht nicht, dass die Deutschen sich mit dem ostpreußischen Erbe so schwertun. Dass es uns im Angesicht der Zerstörung immer noch die Sprache verschlägt – wie in Schlodien oder Schlobitten, Besitztümern der Grafen von Dohna, die wie zwei kariös zerklüftete Gebisse aus der Landschaft ragen; und dass sich die deutsche Öffentlichkeit bis heute mehr um die Zerstörer kümmert als um das Zerstörte. Als gäbe es keinen Phantomschmerz der Geschichte, als dürfe es keinen geben.

Gallingen, Galkowen, Podangen, Davids: Sehen Sie dort, gucken Sie hier! Fast kindlich freut sich Thielemann über jeden Gullydeckel, jede Originaldachdeckung, jeden Fensterladen aus den 20er, 30er Jahren. Seine knatschblaue Goretex-Jacke steht dazu in einem denkbar herben Kontrast. Der besagte Scheitel schon weniger. „Ich bin der einzige Dirigent, dem man seine Frisur vorwirft!“, ruft er, und seine Augen funkeln angriffslustig. Es gefällt ihm durchaus, wider den Stachel zu löcken. Schon in der Schule, als alle Parkas trugen, bestand der kleine Christian trotzig auf seinem Trachtenanzug.

Was immer man in diesem Land sucht, es ist sicher nur mit den Zeitläuften zu haben, niemals gegen sie. Und wenn Ostpreußen „deutsch“ geblieben wäre? Dann sähe es heute kaum anders aus als das Chiemgau oder die Uckermark. Sauber asphaltierte Straßen, gelüftete Wälder, abgeholzte Alleen. Nur die Schlösser und die Mücken hätten überdauert. Und der Himmel. Wenn Ostpreußen „deutsch“ geblieben wäre, dann hießen Vera und ihre Schwestern heute nicht Vera und nicht Nona und vor allem nicht Lehndorff. Die Nazis verschleppten die Widerstandskinder 1944 nach Thüringen, gaben ihnen „reichsdeutsche“ Namen. Erst nach Kriegsende wurde ihre wahre Identität enthüllt. Und das Ringen ums „Ich“ konnte beginnen.

Steinort heißt heute Sztynort, und die Zeit seit 1945 ist dem alten Gemäuer mächtig in die Glieder gefahren. Das Dach bleckt seine Zähne, Fenster gähnen, schwarze Plastikplanen knattern im Wind. Eine Ruine, durch diverse Türme und Erweiterungen im 19. Jahrhundert stilistisch ohnehin vermurkst. Wir dürfen hinein, auf eigene Gefahr. Keine Spur vom einstigen Stuckdekor, den ölgemalten Plafonds, den kunstreichen Kaminen und Kachelöfen. Man stapft durch Schutt, späht in Verließe, macht Reste der barocken Bemalung aus: Pfaue, die zerbrochene Räder schlagen, Putten ohne Arme. Staubblind tappen wir wieder ans Tageslicht.

Vera setzt ihre Sonnenbrille auf. Besser keine Wurzeln als solche? Lieber Skandau oder Friedrichstein, wo nichts mehr steht? Nein. Darin übrigens sind sich die Gräfinnen einig, dass es Friedrichstein heißt und Steinort, wie um das Unverbrüchliche der Namen zu betonen. Sie habe immer eine hohe Affinität zu Steinen besessen, erzählt Veruschka. Und zu Tieren. Prompt entdeckt sie beim Rundgang ums Schloss auf dem Fenstersims der Beletage ein schreiendes Kätzchen, setzt Arbeiter und Leitern in Bewegung, um es zu „befreien“ – und nimmt das Ganze am nächsten Morgen erleichtert, ja beflügelt, als Allegorie. Es ist das Schloss, das schreit und klagt und um Hilfe ruft. Steinort als Kreatur, als Organismus.

Aber warum reicht sie ihm erst jetzt die Hand, mit fast 70 Jahren, warum ist sie so lange fern geblieben? Die rebellische Gräfin räuspert sich, ihre Stimme klingt noch etwas verwitterter als sonst. Man ist doch zu sehr mit dem Leben beschäftigt gewesen, erklärt sie. Damit, es hinzukriegen. Plötzlich ahnt man das Abgekämpfte hinter ihrer Schönheit, sieht die Müdigkeit in ihren Augen. Karin, fragt sie, hast du mit deiner Mutter viel über früher gesprochen? Karin Dönhoff, die bei den Johannitern war und sich heute in der Berliner Bürgerstiftung engagiert, schüttelt den Kopf. Nein. Und jetzt kann man niemanden mehr fragen. Wer der Letzte war, auf Skandau 1945. Und wie so viele Kunstschätze und Möbel aus Friedrichstein so früh schon in den Westen geschafft wurden. Antworten, die keiner mehr gibt.

Abends gibt es frische Pilze und Wodka, und Piotr Korduba berichtet, dass sich ein polnisch-deutscher Freundeskreis „Steinort“ gegründet hat, um den einsturzgefährdeten Bau zu retten. Auch will die Warschauer T. I. G. A., der private Besitzer des Schlosses und des kleinen Yachthafens unten am See, die derzeit ausgelagerten kostbaren Balkendecken in ihrer Substanz sichern. Das alles ist nicht viel. Aber es reicht, um zu imaginieren, was Steinort in Zukunft sein könnte. Hotel. Akademie. Gedenkstätte. Ein Ort für Geschichte, polnische wie deutsche. Ein Ort für die Familie Lehndorff und den deutschen Widerstand, ein Kontrapunkt gegen den „Hitler-Tourismus“ drüben an der Wolfsschanze. Und ein Ziel für all unsere vertriebenen, musikalisch-orientalischen Sehnsüchte.

Na zdrowie!

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