Zeitung Heute : Outlook

Gebackener Hering und Schwarzwurzelsüppchen

Elisabeth Binder

Outlook, im Lindner Hotel am Kudamm, Kurfürstendamm 24, Charlottenburg, Tel. 818250, geöffnet täglich von 6.30 Uhr bis 22.30 Uhr.

Obwohl es an einer sehr zentralen Stelle liegt, zählt das Outlook zu den am besten versteckten Restaurants der Stadt. Entsprechend leer und geheimnisvoll wirkt es auch. Erst mal muss man nämlich an der Rezeption des noch neuen Hotels vorbei, dann landet man in einem modernen glasigen Raum mit großer Bar und einer im Sommer ganz netten Innenhof-Terrasse.

Man hat hier eine schöne Aussicht auf die vielen, schön beleuchteten Glaskästen ringsum. Auf den Holztischen gibt es kleine Gestecke und elfenbeinfarbene Stoffläufer, die Beleuchtung ist dezent, aber trotzdem ausreichend hell. Die erstaunliche Kellnerin ist in Personalunion auch noch Restaurantchefin. Zwischendrin verschwindet sie immer mal hinter einem Vorhang in einen wirklich dunklen Raum, aus dem ein paar Zahlen rot herausleuchten. Ist sie vielleicht heimlich auch die Köchin? „Nein, nein“, wehrt sie ab. „Der Koch sitzt im Keller“. Dafür scheint er aber, vielleicht unterstützt von feinen Vorprodukten, recht motiviert zu sein, denn das Programm klingt gut. Zuerst gibt es pfeffriges Gewürzbaguette mit Senf- und Tomatenbutter, eiskalten, fröhlich moussierenden Prosecco, großzügig eingeschenkt. Den Auftakt bildete Zandersauerbraten auf einem scharfen Carpaccio von Austernseitlingen, das optisch und geschmacklich von vier Kugeln Rote-Bete-Püree in Szene gesetzt wurde. Mal abgesehen davon, dass der saure Zander unter seiner Kühlschranktemperatur litt, es also kein Fehler gewesen wäre, ihm noch fünf Minuten zu geben, in denen er sich zur Raumtemperatur hätte aufschwingen können, schmeckte das gut (11 Euro).

Heiß und weiß schaumig war das Schwarzwurzelsüppchen mit einem satten Knäuel von Bündnerfleischstreifen drin (7 Euro). Eigentlich hätten wir dazu gern den Rotwein aus Washington State (Stimson Estate) probiert, aber davon war keine Flasche mehr da. Die Kellnerin brachte stattdessen zwei noch vorhandene, aber leider viel teurere französische Rotweine an und erklärte, gerade heute habe man vergeblich auf eine Lieferung gewartet. Am Ende entschieden wir uns für einen weißen südafrikanischen „Table Mountain“, dessen fruchtiger Fülle man seine Jugend glücklicherweise nicht anmerkte, er stammte nämlich aus dem Jahr 2006 (25,60 Euro). Ein einziges Glas sei von dem Washington Wein noch übrig, sagte die Kellnerin, das könne sie uns natürlich offen verkaufen. Seit wann die Flasche offen sei? „Das weiß ich nicht.“ Ehrliche Kellner können so erfrischend wirken wie ein Glas Champagner.

Ziemlich rasch, nachdem die Vorspeisenteller abgeräumt waren, kam ein dickes, sehr dunkelrosa gebratenes Pfeffersteak mit einem Gemüse aus cremigen Bohnenkeimen und Rosmarinspießen mit winzigen Pellkartoffeln und getrockneten Tomaten (24,50 Euro). Der gebackene Hering sah aus wie des Meeres Antwort auf das Wiener Schnitzel, jedenfalls hing er in einer ähnlichen Panade breit geklopft fast über den Tellerrand hinaus, war aber auf die ihm eigene säuerliche Art ziemlich in Ordnung. Dazu gab es ein gelungenes scharfes Kartoffel-Cherrytomatengemüse (17,50 Euro).

Zum Nachtisch probierten wir eine knackige Glühweinbirne mit seltsam charakterloser weißer Mousse au Chocolat und schön klebrig karamellisierten Walnüssen (8,50 Euro). Und dann traute ich mich doch noch, das letzte Glas Rotwein zu kosten. Ob es denn auch noch gut sei, erkundigte ich mich vorab. „Das kann ich nicht sagen, das müssen Sie selber probieren“. Blitzte hier der unter kehligem Dienstleistungsgeschwafel der längst begrabene raue Berliner Charme wieder auf? Der Wein war einwandfrei, erstaunlich reich an Aromen, gut ausgebaut und offenbar auch nicht zu lang allein gelassen in der Flasche (0,1 =4,75 Euro).

Sicher, es gäbe ein paar Sachen zu verbessern: Auch modernen Restaurants steht es gut zu Gesicht, wenn auf den Toiletten Handtücher und Seife aufgefüllt werden. Außerdem müsste ein umsichtiger Koch sein Menü so aufbauen, dass am Ende nicht ein Gefühl von Magenschwere zurückbleibt. Das resultiert vielleicht auch aus der Tatsache, dass die Preise vergleichsweise deftig sind.

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