Pakistan : Land am Boden

Drei Wochen seit Benazir Bhuttos Tod, fünf Wochen bis zum Wahltermin: Während Pakistan noch Trauer trägt, versuchen islamische Extremisten, Chaos zu schüren. Präsident Musharraf gibt sich gelassen. Dabei hat sein Staat schon längst eine neue Regentin – die Angst

Dorothee Palka

IslamabadEinmal, als ihn eine seiner Reisen nach Deutschland führte, kam Nadeem Bashir in die Autostadt Wolfsburg. Der pakistanische Großunternehmer arbeitete schon lange mit deutschen Geschäftspartnern zusammen. Nun nahm er ein Andenken mit, er bestellte einen VW Touareg 2006. Es kostete ihn ein Vermögen, aber keine lange Bedenkzeit. „Es ist der einzige Touareg 2006 in ganz Pakistan“, sagt er noch heute. Und bekennt dann etwas leiser: „Immer, wenn ich anhalte, habe ich furchtbare Angst, dass ich gerade am falschen Ort zur falschen Zeit bin, wenn die Bombe hochgeht.“

Knapp drei Wochen nach dem Mord an Benazir Bhutto scheint in Pakistan vor allem eins zu regieren: die Angst. Während das Land noch Trauer trägt, sterben immer mehr Menschen bei Attentaten oder Schießereien zwischen der Polizei und islamischen Extremisten. Es scheint, als vertieften sich die ethnischen und religiösen Gräben noch, die sich schon immer durch das Land gezogen haben. „Es ist kaum wiederzuerkennen“, sagt eine Diplomatin, die nach zehn Jahren nach Islamabad zurückgekehrt ist.

Der Schock sitzt tief. Selbst der Gebetsruf des Muezzins klingt verhalten, leise, fast melancholisch. Und die Bevölkerung ist wie gelähmt. Für sie war Benazir Bhutto eine Hoffnungsträgerin, die Ikone, die endlich die Demokratie bringen sollte. Gehasst von den Reichen, beliebt bei den Armen. „Wir wollen Gerechtigkeit, wir wollen über unser Leben selbst bestimmen“, sagt der Unternehmer Nadeem Bashir. Der Mathematiker und Diplomingenieur stammt aus dem Punjab, in dem Bhutto auch viele Anhänger hat. Doch Bashir ist für Nawaz Sharif von der Muslimliga, weil er „unserem Land die Rechtstaatlichkeit bringen wird“.

Das Haus, in dem Bashir und seine Frau, eine promovierte Pädagogin, mit einem 13 Jahre alten Sohn und einer sieben Jahre alten Tochter leben, ist eher bescheiden. Bashir kommt aus armen Verhältnissen, er ist als Kind von einer wohlhabenden Familie adoptiert worden. Seine eigenen Kinder gehen in eine Privatschule, seine Frau trägt einen kleidsamen Kopfschleier. Beide legen großen Wert darauf, den Kampf gegen den Terrorismus nicht mit den inneren Schwierigkeiten Pakistans gleichzusetzen. „Das sind zwei völlig verschiedene Probleme“, sagt Bashir.

Die Opposition ist gespalten. Benazir Bhutto hat ihre Popularität geschickt eingesetzt, bei ihrer Rückkehr am 18. Oktober 2007 begrüßte sie eine riesige Menschenmenge. Sie wollte die Wahl gewinnen und drohte doch mit einem Boykott – um Druck auf Musharraf auszuüben, den Ausnahmezustand aufzuheben, was inzwischen geschehen ist, aber nicht viel verändert hat. Maulana Fazal ur Rehman, der Führer der größten religiösen Partei, will so ziemlich das Gleiche. Er hofft, die Regionalregierungen in der nordwestlichen Grenzprovinz und in Balutschistan zu reformieren. Teile dieser Gebiete gelten als Rückzugsorte von Taliban und Al Qaida. Nawaz Sharifs Muslimliga wiederum will die Parlamentswahlen boykottieren und ist entschlossen, mit den führenden Mitgliedern von Bhuttos Pakistanischer Volkspartei „den Kampf gegen die Diktatur fortzusetzen“, wie es heißt.

Hätte Benazir Bhutto überlebt und Präsident Pervez Musharraf sich darauf eingelassen, die Macht mit ihr zu teilen, wäre sie mit größter Wahrscheinlichkeit Premierministerin geworden. Ob ihre Partei bis zum 18. Februar, dem Wahltermin, noch von den Wogen der Erschütterung getragen sein wird, um einen Sieg zu erringen, ist unvorhersehbar.

Musharraf betont in Interviews immer wieder, dass er zurücktreten werde, wenn ihn die Mehrheit des Volkes nicht mehr wolle. Manche Beobachter vermuten aber, dass er sich wie schon in der Vergangenheit lieber mit den religiösen Parteien verbinden möchte. „Musharraf will es allen recht machen“, meint ein erfahrener Diplomat. Deswegen habe der Präsident auch die Taliban, die sich in der berühmten Roten Moschee von Islamabad verschanzt hatten, lange gewähren lassen – bis es zum Blutbad kam. Andererseits hat Musharraf in seinen Reden wiederholt gesagt, dass es ihm bei Pakistan um die Nation gehe, nicht um die Religion – was gegenüber den Mullahs als Affront verstanden werden kann.

„Was sollen Politiker dem Volk bringen, in einer richtigen Demokratie?“, fragt ein Luftwaffenoffizier auf der Terrasse des feinen Golfclubs von Islamabad. Und antwortet sich gleich selbst: „Freiheit! Aber bei uns wollen Politiker nur Geld, das ist alles, und der Macht des Geldes wird alles unterworfen.“ Die Runde der feinen Herren, die in Pullover und Flanellhosen nach beendetem Spiel im Abendlicht Tee trinkt, diskutiert eifrig. Benazir Bhutto habe während ihrer Amtszeit gerade einmal 200 Euro Steuern gezahlt. Sei das denn mit einer demokratischen Rechtsordnung vereinbar?

Pakistan ist ein junges Land, in dem große Zivilcourage herrscht. Und so ist es nicht schwer, auf der Rückfahrt vom Golfklub mit dem Fahrer ins Gespräch zu kommen. Er heißt Hamid, ist 60 Jahre alt und eigentlich Koch. Nach dem Tod von Benazir Bhutto habe er laut aufgestöhnt. „Jetzt wird das Land um sechs Jahre zurückgeworfen“, sagt er. Und: „Wir steuern geradewegs auf einen Bürgerkrieg zu.“

Wie viele Menschen in Pakistan bezweifelt Hamid, ob Benazir Bhuttos Sohn Bilwal die Arbeit der Mutter wird fortführen können. „Er ist doch noch ein Kind und kann überhaupt nicht zum Volk sprechen“, sagt er und schüttelt den Kopf. Bilwal Bhutto Zardari ist 19 Jahre alt und studiert zurzeit im britischen Oxford. Noch ganz überwältigt vom Schmerz hatte er auf seiner ersten Pressekonferenz als neuer Parteivorsitzender verkündet, er werde „die Demokratie rächen“. Dann kehrte er nach England zurück, um weiterzustudieren.

Auch Amnar, eine Volontärin bei der führenden pakistanischen Tageszeitung „Dawn“, hält von der Berufung Bilwals nicht viel. „Das ist doch die reinste Monarchie“, sagt sie. Amnar hat große schwarze traurige Augen, ist in hautenge Jeans gekleidet und hat ihr dichtes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Die Büros der Zeitung sind hochmodern. Amnar arbeitet in der Nachrichtenredaktion, gerade schreibt sie an einem Artikel über minderjährige Zwangsarbeiter. Sie ist sehr ernsthaft und sehr höflich. Und sie ist kürzlich bei einer Demonstration verhaftet worden.

„Es waren nur ein paar Stunden, als man uns freigelassen hat, haben sich die Polizisten sogar entschuldigt“, sagt sie. Journalistin zu werden, sei für sie der einzige Weg, ihrem Land zu helfen, „weil ich eine freie Meinung vertreten muss“. Nach dem Volontariat will sie aber erst einmal studieren, Psychologie, Politikwissenschaft und Philosophie, vor allem die Griechen, wie sie betont: „Am besten gefällt mir Sokrates, er hat sich für seine Meinung umbringen lassen.“

Benazir Bhutto hat ein schweres Erbe hinterlassen, zum Beispiel eine Partei, die ausschließlich um ihre Person kreiste und nun kein Zentrum mehr hat. „Sie war unglaublich selbstverliebt“, sagt ein ausländischer Journalist. Inzwischen hält in der Partei Bhuttos Mann, Asif Zardari, die Fäden in der Hand. Er ist in Pakistans Geschäftswelt ein äußerst umstrittener Mann. In seiner Amtszeit als Industrieminister im Kabinett seiner Frau erwarb er sich im Volksmund den Titel „Herr zehn Prozent“ – weil er angeblich von jedem politisch unterstützten Geschäft zehn Prozent in die eigenen Tasche abzweigte. Auch laufen in Großbritannien mehrere vom pakistanischen Staat angestrengte Gerichtsverfahren gegen ihn. In der Schweiz ermittelte über Jahre ein Untersuchungsrichter. Der Verdacht: Korruption.

Noch ist der Mord an Benazir Bhutto so präsent, dass ihre persönliche Tragödie die Erinnerungen der Menschen beherrscht. Darin ist Benazir Bhutto eine Märtyrerin, die Präsident Musharraf nicht mehr entmachten und so auch ihren Vater nicht mehr rächen konnte, wie sie es sich geschworen hatte. Denn das war das Geheimnis des weißen Trauerschleiers, den sie bei allen Zugeständnissen an die westliche Mode nie abgelegt hatte. Er werde erst fallen, so hatte sie verkündet, wenn sie ihren Vater gerächt habe.

Ihr Tod ist auch eine traurige Premiere: Zum ersten Mal ist eine muslimische Politikerin ermordet worden. „Das ist wie eine offene Kriegserklärung“, kommentierte ein pakistanischer Fernsehjournalist gleich nach dem Attentat. Vielleicht ist Benazir Bhuttos Leben aber auch ein Widerschein des Schicksals ihres Landes.

So jedenfalls sah die umstrittene, geliebte, gehasste und gefürchtete Politikerin es wohl selbst. Ihre Autobiografie beginnt mit den Sätzen: „Nicht ich habe dieses Leben gewählt, es hat mich gewählt. Geboren in Pakistan, ist mein Leben ein Spiegel seiner Turbulenzen, Triumphe und Tragödien. Pakistan ist kein gewöhnliches Land. Und so ist auch mein Leben.“ Die tödliche Kugel traf Bhutto dort, wo sie sich am liebsten aufhielt: auf einer Wahlveranstaltung, dem beliebtesten „Zeitvertreib“ eines jeden Pakistaners von heute.

Auf einer Dschihadisten-Website steht übrigens geschrieben: „Märtyrer sterben nie.“

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