Zeitung Heute : "Pallas" sei Dank

INGRID MÜLLER

Wir sollten dankbar sein, daß die "Pallas" so malerisch vor unserer Küste brennt.Daß es raucht und stinkt, klebrige schwarze Teppiche in den Wellen wabern.Daß Trauerenten, Trottellummen und andere gefiederte Artgenossen qualvoll vor den Augen der Fernsehnation und Katastrophen-Touristen verenden.Zynisch? Keineswegs.An der Nordseeküste spielt sich keine Katastrophe ab.Es drohen weder 42 000 Tonnen eines Tankers "Exxon Valdez", der 1989 Alaska heimsuchte, noch 223 000 Tonnen Öl einer "Amoco Cadiz" vor Frankreichs Küste.Die "Pallas" ist ein Holzfrachter mit 700 Tonnen Treibstoff an Bord - 50 davon haben sich bisher ins Meer ergossen.Der Unfall aber zwingt zum Nachdenken.Das läßt hoffen, daß eine Apokalypse für das Watt und seine Anwohner nie eintreten wird.

Immerhin haben die Umweltminister in Stuttgart flugs ihren Willen bekundet, mehr zu tun.Zu einem Meilenstein könnte sich die zentrale Küstenwache entwickeln.Denn das Chaos, das die bisherigen Strukturen mit sich bringen, können die Deutschen selbst beheben.Daß der Konferenzbeschluß zu Konsequenzen führt, darum müssen sich nun auch die beiden Grünen-Minister aus Kiel und Bonn bemühen - nicht nur bei der Überprüfung der Fehler.

Weniger rühmlich ist, daß abermals nur geprüft werden soll, das Wattenmeer als empfindliches Meeresgebiet auszuweisen, so daß auch außerhalb der geheiligten Zwölf-Meilen-Zone ein Eingreifen möglich wäre.So weit waren wir vor Jahren schon.Dennoch keimt nun wieder Hoffnung auf, daß den vielen Gefahren nach einem Beschluß künftig konkret begegnet wird.Die Themen sind so neu nicht, bisher wurde immer gern weggeguckt.Erst Betroffenheit erzeugt Druck.Vielleicht hilft der nun.

Viele Gespräche sind nötig.Sie werden dauern, sicher.Und sie können sich nicht auf Deutschland beschränken.Die Kooperation klappt auch im binationalen Rahmen nicht besonders, siehe Dänemark.Die kleine "Pallas" rührt auch an Fragen, die in größerem Rahmen zu klären sind.Es wäre gut, wenn Bonn und Brüssel sich international um Sicherheitsstandards für Schiffe und Besatzungen und das Verursacherprinzip für Schäden kümmern würden.Weltweit nötige Regelungen werden aber weder da noch dort entschieden.Eine weitere Herkulesaufgabe für Minister Trittin, die nicht mit saloppen Vorschlägen zu meistern ist.Ein schneller Stopp der Flucht in die Billigflaggen oder ein Nordsee-Fahrverbot für Seelenverkäufer, das hört sich nett an - nur ist es nicht zu Ende gedacht.Auch zahlreiche deutsche Reeder suchen in Billigflaggen ihr Heil.

Niemand weiß, ob ein Haudegen wie Red Adair, der sich der brennenden Ölquellen in Kuwait annahm, helfen könnte.Für ein solch marginales Problem würde ein Mann wie er ohnhein seinen Feuerwehranzug nicht wieder anlegen.In Kuwait ging es um 742 Quellen und rund drei mal drei Monate, nicht um einen zum Holzkohlenmeiler mutierten Frachter, der jetzt seit drei Wochen brennt.Die Folgen des aktuellen Feuers aber offenbaren auch Mängel der verfügbaren Technik: Die Ölsperren versagen in (auf See nicht ungewöhnlichen) hohen Wellen, die Vögel holen sich ihr todbringendes Ölkleid bereits auf dem Weg zwischen Havaristen und Strand, wo Schippen-bewehrte Helfer das Öl flugs wegschaffen.Viele Hobby-Wehrmänner und selbsternannte Erfinder melden sich zu Wort.Deren teils aberwitzige Ideen machen mehr Arbeit als alles andere.Aber Nachdenken über die Ausrüstung ist angebracht - nicht nur über Schlepper-Kapazitäten.

Auch wenn die Folgen der "Pallas" nicht der Untergang der deutschen Küste sind: Nicht zuletzt mit Blick auf internationale Glaubwürdigkeit müssen die Sauber-Deutschen endlich eine klare Linie finden.Sonst werden die vollmundigen Forderungen an die armen Länder dieser Welt in punkto Umweltschutz noch aussichtsloser.

Letzten Endes ist der auf den Inseln keineswegs übermäßig beliebte Schutz von Dünen und Watt sogar eine Art globaler Umweltschutz.Die relative Unversehrtheit der Landschaft ist es, die die Urlauber anzieht.Sollte ihnen ihr Ziel verleidet werden, reihen sie sich vielleicht in die Riege der Karibik-Touristen ein.Das aber wäre eine viel gewichtigere Folge für die Umwelt als ein paar tausend tote Vögel vor Amrum und Föhr.

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