Zeitung Heute : Panda mit Saxophon

FRANK DIETSCHREIT

Das carrousel-Theater zeigt ein Rätsel in der Schiller-WerkstattFRANK DIETSCHREITEs muß hoch hergegangen sein in der Nacht.Auf dem Boden eine zerknautschte Bierdose und eine versiffte Bratpfanne, ein umgestürzter Schaukelstuhl und eine zerknickte Rose.Unter einer bunten Decke rumort es.Dann kommen zwei gähnende Gesichter zum Vorschein, und es könnte eine verkaterte Frühstücksmuffelei folgen, ein zäher Brei aus reuigen Kopfschmerzen und sündigem Nachschmecken.Natürlich kommt alles ganz anders.Denn die vergangene Nacht ist für den Mann nichts als ein schwarzes Loch.Wer liegt da neben mir? Wie heißt sie? Wo habe ich sie kennengelernt? Und haben wir miteinander geschlafen? Wo nichts als Leere ist, kann man viel hineinstopfen.Träume und Phantasien, Wünsche und Rätsel.Alles hat Platz."Die Geschichte von den Pandabären - erzählt von einem Saxophonspieler mit Freundin in Frankfurt" zum Beispiel.Eine merkwürdige Geschichte.Matéi Visniec, ein in Frankreich lebender rumänischer Autor, hat sie sich ausgedacht.Der für Experimente und Unkonventionelles zuständige Teil des carrousel-Theaters ist damit von der Parkaue in die Schiller-Werkstatt emigriert und hat sich von Regisseur Lutz Gotter und Bühnenbildner Alwin Eckert in eine zwischen Tag und Nacht, Alp- und Wunschtraum pendelnde Phantasiewelt entführen lassen. In dieser Welt ist alles möglich.Vor allem weil Sebastian Reusse seine Lust an der Verwirrung und Chiaretta Schörnig ihre unlösbaren Geheimnisse mit allergrößter Selbstverständlichkeit ausspielen.Der Funke springt schnell ins jugendliche Publikum über, das sich über gar nichts mehr wundert.Warum die schöne Unbekannte ihrem traurigen Saxophonspieler neun Nächte verspricht und zu jedem Liebes-Taumel einen Wecker mitbringt? Weshalb sie unentwegt Äpfel mampft und das Spiel mit den leeren Vogelkäfigen erfindet? Und wer weiß, vielleicht spielt sich das ganze Traumtheater, das entgrenzte Sich-Fallenlassen, die sich von magischer Hand verschiebenden Wände, die von der Uli Singer-Band eingespielten lasziven Saxophonklänge, vielleicht spielt sich alles nur im Kopf des Zuschauers ab.Denn wer möchte nicht auch einmal das ganz Andere erleben oder wiedergeboren werden als Pandabär und eine Freundin haben in Frankfurt? Schiller-Theater-Werkstatt, wieder am 11., 18., 19.September, jeweils 19.30 Uhr.

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