Zeitung Heute : Paparazzi und Prozesse

HERMANN MEYN

So ist das häufig: Erst bemühen sie sich mit allen Mitteln darum, bekannt zu werden, und wenn sie es dann geschafft haben, möchten sie die Geister, die sie riefen, wieder loswerden - die Reporter und Fotografen."Ein obszönes Verhalten," wie der Wiener Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Langenbucher findet.Auf diesem schmalen Grat, die Vorteile der Popularität zu genießen und zugleich deren Nachteile zu vermeiden, wandern sie alle, die Prominenten aus dem Show-Geschäft und aus den Sport-Arenen, vor allem aber die Prinzen und Prinzessinnen aus den europäischen Adelshäusern.Ein Musterbeispiel dafür war Diana, aber es gibt noch andere, die sich neuerdings mit Händen und Füßen und manchmal sogar mit Regenschirmen dagegen wehren, von Journalisten beobachtet zu werden.

Einer von ihnen ist Prinz August von Hannover.Seit seine Verbindung mit Prinzessin Caroline von Monaco bekannt ist, geben die Paparazzi und ihre Auftraggeber, allen voran Burdas "Bunte", keine Ruhe mehr.Sie verfolgen den Hannoveraner auf Schritt und Tritt, und der hat nun eine ganze Prozeßlawine gegen jene ausgelöst, die in Wort und Bild über sein Privatleben berichten.Er, der erst durch die Medien prominent wurde, möchte dieses Verhältnis von Gerichts wegen wieder umkehren.

Das Landgericht Hamburg und das Hanseatische Oberlandesgericht haben alle Hände voll zu tun, um herauszufinden, ob dem Welfenprinzen bitteres Unrecht zugefügt wird.Er beruft sich auf das Recht am eigenen Bild, den Schutz seiner Privatsphäre und letztlich auf das allgemeine Persönlichkeitsrecht, wie es im Artikel 1 des Grundgesetzes (Würde des Menschen) festgeschrieben ist.Die Gegenseite, als die "Bunte", weist auf die Pressefreiheit und das Informationsinteresse der Öffentlichkeit hin.Für sie sind der Prinz und die Prinzessin "absolute Personen der Zeitgeschichte", bei denen per Gesetz tiefer als bei anderen in die Privatsphäre eingedrungen werden darf.So ist es beispielsweise gestattet - das hat jedenfalls der Bundesgerichtshof entschieden -, von solchen Personen ohne deren Einwilligung Aufnahmen in der Öffentlichkeit zu machen, sofort sie damit rechnen müssen, beobachtet zu werden.

Die Hamburger Richter haben in den letzten Jahren dem Welfenprinzen in den meisten Punkten recht gegeben und ihm im Mai dieses Jahres gar eine Entschädigung in Höhe von 100 000 Mark zugebilligt, die zweihöchste in der Geschichte der deutschen Rechtssprechung.

Die Begründung: Die "Bunte" habe wiederholt und hartnäckig in das Recht des Prinzen am eigenen Bild eingegriffen.Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, weil die Burda-Anwälte bis zum Bundesverfassungsgericht gehen wollen.Gleichwohl sehen auch andere Juristen wie beispielsweise der Münchner Rechtsprofessor Peter Lerche in dieser Presse- und Meinungsfreiheit.

Nun kommt es zwar immer auf den Einzelfall an.Lerche sieht jedoch grundsätzlich in den von den Richtern, auch den obersten in Karlsruhe, verwendeten Abwägungskriterien zwischen dem Öffentlichkeitsinteresse einerseits und dem Persönlichkeitsrecht andererseits eine Fehlkonstruktion.Es sei falsch, die Höhe des Öffentlichkeitsinteresses zum Maßstab dafür zu machen, wie tief in die Privatsphäre eingedrungen werden dürfe.Für ebenso gefährlich hält der Münchner Rechtsgelehrte die in vielen Urteilen verwendete Formulierung, es komme bei der Abwägung darauf an, ob es sich um ein "anerkennenswertes" oder "schützenswertes" Interesse der Öffentlichkeit handele.Auch die Begründung mancher Richter, es sei in dem Bericht "um bloße Unterhaltung" gegangen, lehnt Lerche ab: "Solche Qualifikationen stehen der Rechtsprechung nicht zu.Pressefreiheit gilt für alle Presseprodukte, für die Unterhaltungspresse wie die seriöse Presse." Für den Münchner steht fest: Bei der Entscheidung, ob Pressefreiheit Vorrang vor dem Persönlichkeitsschutz hat, ist der einzige richtige Maßstab die Zumutbarkeit des Eindringens in die Privatsphäre.

Keine Frage, in den Begründungen vieler Urteile tauchen Formulierungen auf, die eine Geringschätzung der unterhaltenden Presse gegenüber der informierenden erkennen lassen - eine Bewertung, die der Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Langenbucher nicht gelten lassen möchte.Für ihn lassen Urteile mit einem solchen Tenor auf eine "tiefe empirische Ahnungslosigkeit" mancher Richter schließen.Die Unterhaltung sei ein Vehikel der Information, die gängigste Form der modernen Kommunikationsgesellschaft.Da emotionales Erleben und rationale Reflexion ohnehin bei der Rezeption eine Symbiose eingehen, müsse eine Trennung zwischen Unterhaltung und Information abgelehnt werden.Er hält deshalb Richter, die in Urteilen von "bloßer Unterhaltung" sprechen, für "wirklichkeitsblind" und empfiehlt "Fortbildungsveranstaltungen" für sie.Langenbucher geht noch einen Schritt weiter, wenn er meint: "Wer Unterhaltung verachtet, die das Volk in seiner überwältigenden Mehrheit will, gefährdet nicht nur die Pressefreiheit, sondern auch die Substanz und Qualität der Demokratie."

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