Zeitung Heute : Papiertiger als Baulöwe

Der Tagesspiegel

Klingbeil, Groth & Graalfs oder Otremba waren bis Anfang der neunziger Jahren gängige Baulöwen-Namen im westlichen Berlin. Die Branche war einigermaßen überrascht, als sich unter die Löwen ein Name mischte, der eher als „Papiertiger“ bekannt war.

Die große Herlitz-Stunde, die so viel Aufsehen in Berlin erregte, schlug nur wenige Kilometer außerhalb der Stadt, als das Tierproduktionskombinat „Frischeier, Broiler, Schweinemast“ abgewickelt wurde.

Die Treuhand wollte das Gelände des volkseigenen Betriebs in Falkensee an eine Schweizer Finanzgruppe veräußern. Doch der Bürgermeister, der offenbar nichts Gutes ahnte, fragte Peter Herlitz, der in Falkensee gerade für 350 Millionen Mark sein neues Produktions- und Logistikzentrum baute, ob er nicht auch am Bau von Wohnungen interessiert wäre: Falkensee sollte wachsen. Zwei Tage, bevor die Treuhand den Vertrag mit den Schweizern abschließen wollte, kam die Zusage von Herlitz.

Für das Unternehmen war dies der Start in eine Ära städtebaulicher Projektentwicklung, von der auch Berlin profitierte. Bis dahin hatte der Schreibwaren-Gigant nie daran gedacht, groß in die Baubranche einzusteigen. Bis 1997 errichtete das Unternehmen für rund 750 Millionen Mark 1400 Mietwohnungen und Eigenheime. Es entstand die Gartenstadt Falkenhöh am Rande Berlins. Sie sollte vor allem eine Versuchung für Spandauer mit Drang ins Grüne sein.

Falkensee wurde zum Musterbeispiel für den Berliner Speckgürtel. Herlitz verkaufte, nicht ohne Anfangsschwierigkeiten, Reihenhäuser ab 345 000 Mark und lockte in Prospekten: „30 Minuten bis zum Kurfürstendamm“. Doch die Branche munkelte schon damals, als die Bahnverbindungen noch nicht so perfekt waren, dass sich Herlitz mit den finanziellen Folgen des ehrgeizigen Siedlungsbaus verschätzt haben könnte.

Mit rund 850 Millionen Mark machte sich Herlitz dann vor gut fünf Jahren daran, das Tegeler Borsiggelände zu einem Gewerbepark zu gestalten. Mitunter drehten sich auf dem alten Industrieareal so viele Kräne wie einst am Potsdamer Platz. Herlitz galt wieder einmal als Vertreter einer neuen Gründerzeit. Im März 1999 wurden die Bürobauten mit rund 80 000 Quadratmetern Fläche und die Hallen am Borsigturm mit dem Einkaufs- und Freizeitzentrum eröffnet. Seither gilt das Borsigggelände als Attraktion, täglich werden bis zu 26 000 Besucher gezählt.

Vor rund drei Jahren hatte die Firma RSE-Projektmanagement, eine Tochter der WCM-Gruppe (Großaktionär der Commerzbank, Erwerber der Gehag) die Immobiliengesellschaft Herlitz Falkenhöh gekauft. Seitdem ist RSE für die Siedlung in Falkensee und das Borsiggelände zuständig.C. v. L.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar