Zeitung Heute : Paradies für Parasiten

Der Mensch hat für Viren die beste aller möglichen Welten erschaffen

Bas Kast

Könnten Viren eine ideale Welt erschaffen, wie würde sie aussehen? So genau kennt natürlich keiner ihren Geschmack. Aber eine Skizze würde ungefähr so aussehen: Auf der einen Seite bräuchte man eine archaische Welt. Sagen wir einen Dschungel, in dem Jäger wie in der Steinzeit Affen auf den Fersen sind, sie einkreisen, schlachten und essen.

Bauernhöfe wären auch nicht schlecht, mit flatternden Hühnern, Enten, Gänsen, herumwandernden Schweinen und vielen anderen Tieren. Je bunter das Durcheinander, desto besser.

Perfekt jedoch wäre das Ganze noch nicht.

Dazu müsste man noch eine zweite Welt einführen. Eine moderne Welt. Mit Mega-Citys, Wolkenkratzern, Millionen von Menschen auf engstem Raum.

Nun bräuchte man nur noch möglichst schnelle Transportmittel, um beide Welten kurzzuschließen, und es wäre da: das Virenparadies.

Wie man sieht: Viren brauchen auf die beste aller möglichen Welten nicht zu warten. Der Mensch hat in den letzten Jahrhunderten und Jahrzehnten alles darangesetzt, sie ihnen zu erschaffen.

HIV, Sars, Vogelgrippe – die große Gefahr dieser Erreger entspringt nicht zuletzt dem Fortschritt. HIV-1 beispielsweise ist ein Virus, das sich afrikanische Buschmänner auf der Jagd nach Schimpansen eingefangen haben. Gäbe es nur die Welt des Dschungels, der Erreger hätte es nicht weiter gebracht als bis zu ein paar Stämmen Zentralafrikas. Aber Afrika hat sich geändert.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Das Land Kamerun ist kleiner als Spanien, und doch leben dort traditionell 286 verschiedene Volks- und Sprachgruppen. Mit der Kolonialisierung wurden zwei übergeordnete Sprachen eingeführt, Englisch und Französisch. Nun konnten sich Menschen verständigen, die zuvor ein isoliertes Leben geführt hatten.

Afrika wurde urbanisiert, es kam zu Slums, Armut und Prostitution. So ließ sich am Anfang der Aids-Epidemie die Wanderung des Virus regelrecht verfolgen: Es legte jene Strecke der Lastwagenfahrer zurück, die von Stadt zu Stadt fuhren und dort die Prostituierten besuchten.

Erst wenn beide Welten zusammentreffen, die archaische und die moderne, kommt ein Virus so richtig in Fahrt. Das gilt nicht nur für HIV, sondern auch für Sars. Das Lungenvirus sprang ebenfalls von einem Tier auf den Menschen, vielleicht beim Verzehr einer Zibetkatze, irgendwo in der chinesischen Provinz Guangdong. Dort also, wo beide Welten verschmelzen: In Guangdong wimmelt es von Bauernhöfen, auf denen Mensch und Tier eng zusammenleben, es gibt aber auch eine Zehn-Millionen-Stadt wie Guangzhou, gleich neben Hongkong.

Viel schneller ging ein Erreger wohl nie zuvor um die Welt als das Sars-Virus im Jahr 2003. Am 21. Februar checkte ein infizierter Arzt in ein Hongkonger Hotel ein und steckte zwölf Gäste an. Wenige Tage später erreichte das Virus Taiwan, im März Thailand, im April Kanada und auch Deutschland. Die Seuche tötete Hunderte von Menschen, tauchte 2004 noch einmal auf – und verschwand.

Bauernhöfe sind harmlos, Straßen und Flugzeuge auch. Erst gemeinsam werden sie zur explosiven Infrastruktur für Erreger aller Art.

Deshalb ist es auch nicht Alarmismus, vor den verheerenden Folgen zu warnen, wenn das Vogelgrippevirus H5N1, das derzeit in Asien grassiert, eines Tages auf den Menschen springt. Schon 1918 sprang ein Influenza-Virus vom Vogel auf den Menschen und tötete mit der „Spanischen Grippe“ 40 Millionen Menschen, mehr als der Erste und Zweite Weltkrieg zusammen.

Zwar sind unsere Waffen gegen Seuchen besser geworden – Impfungen, antivirale Medikamente, internationale Überwachung, Quarantänemaßnahmen. Es gelingt heute binnen kürzester Zeit, einen Erreger zu identifizieren. Doch dieselben Kräfte, die zu unserem Schutz beitragen, optimieren die Überlebensbedingungen der Viren. Wir werden in Zukunft mehr denn je mit ihnen rechnen müssen.

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