Zeitung Heute : Paranoia im Cyberspace

BERND GUGGENBERGER

Die Angst, auf eine Wirklichkeit zu stoßen, in der sich die eigene Regierung als Büttel der UNO gegen ihre Bürger verschworen hat VON BERND GUGGENBERGERDie kollektive Paranoia im Cyberspace ist in der amerikanischen Internetszene längst aktenkundig.Die Angst, auf eine Wirklichkeit zu stoßen, in der sich die eigene Regierung als Büttel der UNO gegen ihre Bürger verschworen hat, in der die kommunistisch-zionistische Weltherrschaft droht, Bill Clinton ein Sohn Fidel Castros ist und das multinationale Bankensystem, das Gold der Mormonen, oder die Gelder der Drogenmafia die einheimische Wirtschaft längst im tödlichen Würgegriff umfangen.Ist man ins Nirwana solch imaginärer Wiedergängerwelten eingetaucht und hat seinen Platz in der gegenkonspirativen Gemeinschaft gefunden, dann verflüchtigen sich alle Elemente der Realitätskontrolle. Alles, was aufrütteln, die Augen öffnen und uns zurückholen könnte, ist an den alltagsfernen, künstlich erzeugten Nirgends-Orten des Cyberspace außer Kraft gesetzt.Die empirische Welt findet keine Haltepunkte in diesem amöbenhaft fluiden Gewaber der Botschaften, in diesem globalen Spinnengewebe aus Hypertext-Links mit Hören-Sagen-Suggestionen aller Art, diesem in höchstem Maße "konspirativ" anmutenden Umfeld vollendeter sozialer Ortlosigkeit. Der elektronische Kontakt führt aus privater Einsamkeit in globale Ortlosigkeit. Für den Cyberspace ist eine spezifische Hysterieanfälligkeit kennzeichnend; er ist von Korridoren des Konspirativen durchzogen, er öffnet sich, wie kein anderes Medium, gegenüber allen Schattierungen abweichenden und abnormen Denkens, Deutens und Verhaltens.Was online geboten wird, von der Weltverschwörung bis zum Cybersex, vom politischen Extremismus bis zum persönlichen Exhibitionismus würde offline den Beteiligten die Schamröte ins Antlitz treiben und vielfach auch die Gerichte beschäftigen.Der elektronische Kontakt findet in einer "technisch hergestellten Dauerdunkelheit" statt, durch die "gesichtslose Stimmen" geistern und die von "ungesicherten Identiäten" geprägt ist. Der Karneval der Ortlosigkeit, der im Internet das ganze Jahr über Saison hat, entbindet Formen der Schamlosigkeit und des sozialen Kontrollverlustes, wie sie seit den frühen Maskenfesten traditionell immer schon für künstlich geschaffene Extraterritorien und Auszeiten typisch waren. Der Autor ist Privatdozent am Fachbereich Politik der FU

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