Zeitung Heute : Parc Fermé

Haute Cuisine in Moabit

Bernd Matthies

VON TISCH ZU TISCH

PARC FERMÉ im Meilenwerk, Wiebestr. 36/37, Moabit, Tel. 2061 3050, Di-Sa ab 18 Uhr geöffnet, Reservierung ratsam, alle Kreditkarten. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Es müsste ja theoretisch möglich sein, mal wieder ein Restaurant aufzumachen, das weder am Gendarmenmarkt noch am Kollwitzplatz noch überhaupt in Friedrichshainmittekreuzbergprenzlauerberg steht. Nichts gegen diesen erleuchteten Bezirk – aber die Bewohner anderer Gegenden Berlins haben auch mal das Recht auf was Neues. Doch wo nicht die Garantie besteht, dass Laufkundschaft mehr oder weniger automatisch hereinstolpert, tut sich nix. Angst!

Die interessanteste aktuelle Ausnahme von dieser Regel betrifft: Moabit. Ehrlich. Und zwar nicht den belebten Kiez, sondern die verlassene Gegend südlich des Großmarkts, die mit der BVG praktisch nicht zu erreichen ist. Das soll wohl auch nicht sein, denn das „Meilenwerk“ ist ein Treffpunkt für Motorverrückte, eine einzigartige Gelegenheit, rare Oldtimer von allen Seiten zu betrachten. Doch Motorverrückte schnuppern lieber am Benzintank als am Champagnerglas, und deshalb darf es als Wagnis gelten, dass dort neben einem Bistro auch ein anspruchsvolles Restaurant entstanden ist. Und die größte Überraschung besteht darin, dass der Küchenchef René Conrad ist, jener Koch, der das „Facil“ zum Michelin-Stern brachte, bevor er abrupt nach Wuppertal entschwand. Nun ist er nach nur knapp einem halben Jahr wieder da – und macht da weiter, wo er aufgehört hat.

Conrad ist ein Purist, der nichts dekoriert, keine Küchenunsitte durchgehen lässt und keine Mode ungeprüft übernimmt. Improvisation und Spiel sind ihm fremd, und deshalb werden die Stammgäste viele Motive der Facil-Küche (nun ja, auch die Preise) wiedererkennen. Unverwechselbarer Stil: Ein generöses Stück Loup de Mer, perfekt gegart, dazu nichts weiter als herrlich bittersüßer, in Orangensaft geschmorter Chicoree. Oder Steinbuttfilet auf Artischocken. Sieht einfach aus, schmeckt aber nur deshalb so köstlich, weil die Artischocken aufwändig in weißem Tomatenfond gegart sind; die nach Spanien weisende Chorizo-Wurst ist so dezent eingesetzt, dass sie kaum auffällt, aber ihr Aroma unaufdringlich beisteuert. Butterzarte Entenbrust bekommt durch orientalisch gewürztes Couscous einen neuen, persönlichen Dreh, und die geschmorten Kalbsbäckchen mit Stampfkartoffeln stehen für definitive Reduktion, denn hier gibt es nun wirklich nichts mehr wegzulassen. Ebenso perfekt: Jacobsmuscheln im Safransud mit Gemüsestreifen (Hauptgerichte um 25 bis 30 Euro).

In diesem Licht ist der einleitende Brotsalat mit Oktopus, Wachtel und getrocknetem Tunfisch fast schon eine Exaltation; ich würde raten, eines der Elemente einfach wegzulassen, wenn es auch weder gegen das Handwerk noch gegen die Produktqualität das Geringste einzuwenden gab. Famos ausbalanciert war dagegen der Hummer mit weißen Bohnen, Pancetta und Basilikum, qualitativ passend Desserts wie der knusprige Topfenstrudel mit Rotweinpflaumen oder das herrlich herbe, kaum gesüßte Schokotörtchen mit Orangenparfait. Der Service liegt bei Sabine Conrad in familiär verbundenen Händen; sie hat eine passende, vernünftig kalkulierte Weinkarte zusammengestellt, die allerdings bei den Weißen noch recht knapp sitzt. Top-Empfehlung: Der Weißburgunder/Chardonnay von Keller (Rheinhessen) für 31 Euro.

Ich bin gespannt, ob das was wird. Der Chef des Ganzen, Aris Papageorgiou, hat in den letzten Jahren viel Pech gehabt mit gastronomischen Projekten in der neuen Mitte von Berlin. Jetzt wäre mal ein Erfolg nötig. Gut möglich, dass er ausgerechnet in Moabit eintritt.

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