Zeitung Heute : PARREIRAS ENTLASSSUNG - DAS NOVUM DER SCHEICHS: Zagalo nimmt seinen Vorgänger in Schutz

PARIS .Der teuerste Trainer der Welt hat unfreiwillig für ein Novum gesorgt: Als erster Fußball-Lehrer wurde Carlos Alberto Parreira bei einer Weltmeisterschaft entlassen.Saudi-Arabiens Verbandspräsident Prinz Feisal teilte dem brasilianischen Weltmeister-Coach von 1994 am Sonnabend nach einer Sondersitzung des Verbandsrats seine Entlassung mit.Parreira, dessen Einjahresvertrag mit fünf Millionen Mark fürstlich dotiert sein soll, wird für das blamable Abschneiden des Asien-Meisters bei der WM in Frankreich verantwortlich gemacht.

Dort hat er nach Niederlagen gegen Dänemark (0:1) und Frankreich (0:4) keine Chance mehr auf die erhoffte Achtelfinal-Teilnahme, die die Saudis vor vier Jahren bei ihrem WM-Einstand in den USA erreicht hatten.Mit Parreira mußte fast der gesamte Betreuer-Stab gehen, von den Physiotherapeuten, dem technischen Direktor Ahmed Eid A-Harbi bis hin zum Delegationsleiter Fahad Nasser Al-Damash."Wir entschuldigen uns bei allen Fans in Saudi-Arabien sowie der ganzen islamischen und arabischen Welt für das Versagen unseres Teams", erklärte Prinz Feisal.Mit seinen Ratgebern hatte er nach sechsstündiger Sitzung bis in den frühen Morgen getagt, ehe die Entscheidung gegen den Trainer gefallen war.Parreira wird von Brasiliens Verbandschef Ricardo Teixeira schon als alter/neuer Nationalcoach und Zagalo-Nachfolger am Zuckerhut gehandelt.

Mario Zagalo selbst nahm seinen Vorgänger in Schutz."Man kann einfach nicht so mit ihm umgehen", meinte der 67jährige, der mit Brasilien bereits im Achtelfinale steht."Seine Arbeit ist zu respektieren." Interims-Lösung Mohammed Al-Kharachi soll die Araber als "Strohmann" in dem für sie bedeutungslosen letzten Gruppenspiel am Mittwoch in Bordeaux gegen Südafrika betreuen.Praktisch bestimmt aber der Dreier-Rat mit Prinz Feisal an der Spitze vorerst persönlich die Mannschaftsaufstellung.Mit dem nicht mehr überraschenden Abschuß Parreiras, der nach Kuwait (1982), den Vereinigten Arabischen Emiraten (1990) und Brasilien (1994) seine vierte WM als Coach absolvierte, lieferten die steinreichen Magnaten des Königreichs einmal mehr den Beweis, daß Erfolg nicht käuflich ist.Dennoch erwarteten sie als Gegenleistung zuviel."Da sie 1994 eine Runde weitergekommen sind, kann sich kein Saudi vorstellen, daß sie hier vorzeitig ausscheiden", beschrieb Parreira schon Tage vor seiner Entlassung den Teufelskreis, in dem er steckte."Wir sind Halbprofis und vom Kopf her Amateure."

Als er sich im feudalen WM-Quartier in Melun-Senart nahe Paris mit dubiosen Geheimtrainings-Aktionen und schikanösen Interview-Verboten auch noch mit den Medien des Landes anlegte, wurde sein Abschuß vorbereitet.Er würde die "Grünen" gegen ihre Natur zu defensiv spielen lassen, lautete der Hauptvorwurf.Auch die Akteure hatte der sture Brasilianer gegen sich aufgebracht, weil er seine Taktik, durch die nichts mehr an den attraktiven WM-Stil von 1994 erinnerte, trotz ausbleibender Erfolge nicht änderte.

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