Zeitung Heute : Parteitag der Grünen: Fünf Farben Grün

Bernd Ulrich

Schwarz. Rebecca Harms ist ganz dunkel gekleidet. Das ist keine Mode, keine Coolness, sondern dahinter steckt ein Todesfall. Die niedersächsische Bundestagsabgeordnete kommt direkt von einer Trauerfeier. Parallel zum Grünen-Parteitag gedachten Bauern, Freunde aus dem Wendland, AKW-Gegner und grüne Prominente Undine von Blottnitz. 64-jährig war die herzliche, untaktische kleine Frau gestorben. Sie hatte noch etwas von dem, was den Grünen sonst verloren gegangen ist, etwas von Petra Kelly, aber sie war geerdeter, wirklichkeitsnäher als die grüne Gründungs-Ikone.

Undine von Blottnitz stand für die Kontinuität von Anti-AKW-Bewegung und grüner Regierungspartei, von Demonstrieren und Exekutieren. Und nun waren die großen Grünen da, um ihr die letzte Ehre zu erweisen. Antje Vollmer, Joschka Fischer und eben Rebecca Harms, ihre Nachfolgerin als Anführerin der Bewegung. Harms begleitete die krebskranke Frau bis zum Schluss. Jetzt steht sie hier in der weiten Messehalle von Stuttgart, schwarz und ernst. Sie respektiert die Entschuldigung von Fritz Kuhn, der allzu scharf das Demonstrieren gegen Castortransporte ins Wendland untersagen wollte. Kuhn tut gut daran, Demonstrationsfreiheit zu gewähren. Gegen Rebecca Harms hätte er anders keine Chance gehabt. So beschließt der Parteitag, dass Demonstrieren erlaubt, Blockieren aber unerwünscht sei.

Ach ja, ein paar Demonstranten sind auch da. Brav und leicht zu beruhigen: "Dürfen wir hier unsere Plakate hochhalten, oder sollen wir lieber weiter nach hinten gehen?" Im Wendland wird eine Frau zu Grabe getragen, wird die Bewegung historisiert. In Stuttgart wird der Protest folklorisiert, eine Reminiszenz. Es gibt beruhigende Nachrichten von den Grünen: Bestimmt zwanzig Mal betonen die Parteiführer, sie wollten das Demonstrationsrecht nicht abschaffen, ehrlich nicht, "wir sind da wirklich die allerallerallerletzten", verspricht Claudia Roth.

Die Demokratie ist gerettet, wieder mal. Die grüne Basis rettet sich dann auch noch schnell und fasst mit jeweils knappen Mehrheiten zwei Beschlüsse, die ebenfalls an früher erinnern: die Trennung von Amt und Mandat plus Wiedereinführung des alten Asylartikels. "Die Realität wird es schon richten", spottet Joschka Fischer dazu und lässt die Basis in linkem Licht erscheinen. Fälschlicherweise. Auch die Mehrheit weiß hier sehr gut, dass beide Beschlüsse politisch folgenlos sein werden: Gratismut für die gute Laune.

Die Grünen sind sich ihrer Urfarbe unsicher geworden und suchen nach neuen Tönungen. Wie wäre es mit: Blau. Ja das könnte passen. Grün, das wäre allzu penetrant gewesen. Rot ging auch nicht, weil sich Claudia Roth orangefarbene Strähnen ins Haar gemacht hat. Und schwarz? Nein das soll doch heute ihr Feiertag werden, ihre große KandidatInnenrede. Prüfend hält Claudia Roth den lichtblauen Schal ins kalte Neon, ja, das könnte gehen. Stunden später gibt sie den Delegierten mit ihrer Rede, wonach sie sich sehnen: Die ehemalige Musikmanagerin verbreitet Wärme, Nostalgie, Moral, viel Moral nach diesen zwei Jahren Regierungsarbeit, nach dem nie dagewesenen Professionalisierungsschub.

Schade, dass Karl Jüsten schon weg ist. Dem Prälaten und Glaubenslobbyisten der katholischen Kirche in Berlin hätte Roths Predigt sicher gut gefallen. "Heilig" ist ihr der Artikel acht des Grundgesetzes. Gegen "Frevel" an den Tieren wettert sie: "Lasst uns das gute Gewissen sein", fordert sie und behauptet allen Ernstes: "Wir stehen für moralische Politik." Das tut den Grünen gut, dafür geben sie Claudia Roth 91 Prozent der Stimmen. Das ist grüner Rekord.

Mancher Realo fragt sich bang, ob diese neue Vorsitzende ihre überbordene Moral denn auch in den Griff kriegt, wenn es demnächst Regierungspolitik zu verkaufen gilt. Aber Claudia Roth ist professionell. Nach ihrer Rede geht sie hinunter zu ihrer Mutter Trudel ("meine beste Freundin") und herzt ihren Neffen Maxl. Das schmückt, kommt gut rüber und ist am Ende vielleicht auch fast echt. Religiöser wird es also und amerikanischer. I love you all. Nun haben die Grünen also eine neue Doppelspitze, Kuhn-und-Roth. Kraft-Wärme-Kopplung. Das wirkt sehr gut inmitten einer mit sich selbst versöhnten Partei, es wirkt komplett. Braucht man Joschka Fischer noch?

Silbergrau. Der Mann, der da zum Rednerpult geht, ist wieder etwas fülliger geworden. Das Grau seiner Haare leuchtet heller denn je. Und er trägt Anzug mit Krawatte, normale Dienstkleidung. Früher hat er auf grünen Parteitagen gern ein bisschen Basislook angelegt, hat sich modisch heruntergebeugt zur Leisure Wear des Mittelbaus. Diesmal will der Außenminister sich nicht anbiedern. Es spricht ein amerikanischer Senator, der im Nebenberuf Präsident der deutschen Grünen ist. Seine Rede ist kein Versuch, die Ernte einzufahren von zwei Monaten 68er-Debatte, Standhalten, Biografieverteidigung. Es wäre leicht gewesen, den Parteitag zum Kochen zu bringen. Fischer kennt die Geschichten, die kursieren. Zum Beispiel die von Rezzo Schlauch, der während eines Besuchs beim Herrenausstatter von der versammelten Belegschaft aufgefordert wurde, dem Joschka Fischer endlich besser zu helfen. Oder von den 1860-München-Fans, die ihm drohten, wenn Fischer zurücktreten müsse, würden sie nach Berlin kommen und nach dem Rechten sehen. Wenn die CDU wüsste, was sie mit ihrer Kampagne gegen Fischer im Gemütshaushalt der großen Mehrheit angerichtet hat, sie würde in Tränen ausbrechen.

Doch jetzt will der Außenminister keine billigen Ovationen. Er spricht im Gewande des Europäers, und er möchte eine ehrliche Antwort auf die Frage: Brauchen die Grünen Joschka noch, wollen sie ihn noch? Die Antwort ist klar: Für eine untertourige Rede erhält er übertourigen Beifall. Fischer hat seine Botschaft platziert: Seht her, sie wollen mich, seht her, ich bin eine andere Spielklasse. Und spiele doch auch mit Euch.

Aschgrau. Als der Intellektuelle das Podium erklimmt, ist es dunkel, er trägt grau, seine Haare sind grau _ und seine Rede, ja, die ist es auch. Vorn steht gerade ein Kabarettist im Scheinwerferlicht und kalauert auf Benglisch, bayerischem Englisch. Die Grünen verstehen Gerhard Polt gut. Dann kommt also Axel Honneth. Der Habermas-Schüler spricht soziologisch, monoton, so wie einer, der üblicherweise vor Menschen referiert, die ihm zuhören müssen, Studenten oder Konkurrenten. Die Grünen sind ganz still. Vielleicht vor Ehrfurcht. Oder schlafen sie nur? Honneth startet die vor fünf - fünf! - Jahren beschlossene Debatte über ein neues grünes Grundsatzprogramm. Das alte ist zwanzig Jahre alt. Es stammt aus einer Zeit, als die Menschen noch zu Hunderttausenden auf die Straße gingen. Honneth vermisst diese Vergangenheit auf sentimentale Weise, wenngleich auf hohem Niveau. Er beklagt das "gespenstische" Ausbleiben von Großdemonstrationen in der heutigen Zeit.

Wenn er genau in dieses grüne Plenum hineinsehen würde, könnte er sehen, warum heute so wenig demonstriert wird. Es geht den Menschen, auch den grünen Menschen, einfach zu gut. Grün und gut heißt das Parteitagsmotto. Gemeint ist: Grün und gut drauf. Der Soziologe fordert die Grünen dann auf, nicht die Begriffe Zivilgesellschaft, Bürgerrechte und Natur einzeln zu verwenden, sondern "auf einer höheren Abstraktionsebene reflexiv zu integrieren". Statt nun aber sofort die Bergschuhe zu schnüren, um eine höhere Abstraktionsebene zu erklimmen, diskutieren die Grünen auf äußerst neblige Weise dies und das zu ihren Werten und Maßstäben. Über die sie sehr unsicher sind. Das vorbereitende Thesenpapier des Bundesvorstands hatte schon alles, was eventuell zu sagen wäre, abgeschliffen. Es gibt also keinen Streit. Und keine Gedanken. Angst essen Seele auf.

Mit Fritz Kuhn, dem Vorsitzenden und zweitmächtigsten Mann in der Partei, verbindet sich derzeit weniger eine Farbe als ein Klang. Es ist ein Klirren. Eines der Genauigkeit und der Schärfe. Er hatte mit Joschka Fischer zusammen den Ministerinnentausch von Andrea Fischer zu Renate Künast erdacht. Auch sein Ziel, die Strömungen zu enteignen, verfolgt er ohne Ansehen der Strömung. Zum Vorbereitungstreffen der Realos für diesen Parteitag erschien der Realo Kuhn gar nicht erst. Er ließ ausrichten, er habe keine Zeit, weil er den Parteitag vorbereiten müsse. Kuhn möchte ein Vorsitzender jenseits, genauer: oberhalb der Strömungen sein. Nicht mehr in links und rechts sollen sich die Grünen ordnen, sondern in oben und unten. Mehrmals gebraucht Kuhn in seinen Reden die Formulierung "nach unten weitergeben". Von oben herab. Der Beifall für ihn ist spärlich.

Und wenn da nichts mehr strömt, wo soll dann Bewegung herkommen? Auch das nichts sagen wollende Thesenpapier zum Grundsatzprogramm passt in das Bewegungslose hinein. Von Fritz Kuhn, der doch die Partei wieder handlungsfähig machte, sind nun viele enttäuscht, sie mögen seinen Führungsstil nicht. Bedenklich gehen die Augenbrauen nach oben, wenn sein Name fällt, auch bei Politikern, die ihm nahe stehen. Man fühlt sich unberücksichtigt. Mit Andrea Fischer, die Kuhn vor acht Wochen ihres Amtes enthob, hat er noch nicht wieder gesprochen. Sowas spricht sich rum.

Grün. Die Farbe, die der Partei den Namen gab, die unklar und blass geworden war, spielt in Stuttgart wieder eine große Rolle. Renate Künast, die neue Verbraucherministerin, wird gefeiert. "Diesmal", verspricht sie, "diesmal wird die Reform des Naturschutzgesetzes jedenfalls nicht am Landwirtschaftsministerium scheitern." Das sind grüne Synergie- und Sinneffekte zwischen dem Künast- und dem Trittin-Ministerium. Natur, Landwirtschaft und Verbraucher, das ist eine ökologische Machtbasis. Und für das andere biologische Großthema, die Gentechnik, erhält die ehemalige Gesundheitsministerin ein Mandat von der Basis: Als Andrea Fischer ankündigt, sie wolle weiterhin Genpolitik machen, ist der Beifall spontan. Die Wiedergeburt der Grünen aus dem Geist der Ökologie und Biologie, das hat niemand geplant. Dafür mussten viele Kühe krank werden, dazu mussten Fotos aus den 70ern auftauchen, die der Partei neuen Zusammenhalt gaben. Nun ist die Chance da. Grün, das könnte passen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben