Zeitung Heute : Partikel-Wanderung

Edith Mathis und die Deutschen Kammer-Virtuosen mit Bach"Von Bach lernen." Robert Schumann gab die Devise zu einer Zeit aus, als man mit der Musik des "Lehrers" vor allem eines tat: ihr durch modernisierende Bearbeitungen über den Mund zu fahren.Es hatte sein durchaus Zweischneidiges, wenn Joachim Pliquett sich zur Eröffnung einer von ihm wesentlich mitinitiierten Konzertreihe des Deutschen Symphonie Orchesters im Kammermusiksaal auf Schumann berief.Auch die Spezialisten der Stahlsaite, der Ventil- und Klappeninstrumente wollen sich wieder systematisch mit Bach und seinen Zeitgenossen auseinandersetzen.Um von ihnen zu lernen.Um ihre modernen Orchester-Erfahrungen einzubringen in die Interpretation der sogenannten "Alten Musik".Eine konzertante Oper von Lully, Haydn-, Händel- und Mozart-Programme unter diesen Voraussetzungen sollen folgen.Den Beginn machten die vor zwei Jahren aus Orchester-Mitgliedern zusammengestellten Deutschen Kammer-Virtuosen mit Bach. Das 3.Brandenburgische Konzert erinnert in seiner impulsiven Lebendigkeit an die Interpretationen des ebenfalls auf modernen Instrumenten spielenden Kammerorchesters C.P.E.Bach.Es wird barock-kleinteilig phrasiert.Die Stimmen sind jeweils mit einem Instrument pro Stimme besetzt.Die Musiker stehen im Halbkreis, so daß die Wanderung der Themen und Motiv-Partikel durch die Gruppen räumlicher erlebbar wird.Zwischen den beiden Allegro-Sätzen improvisiert Mitzi Meyerson als Spezialistin für historische Aufführungspraxis am Cembalo eine kleine verbindende Kadenz.Als Zutat kommen einige sehr effektvolle Crescendi und Decrescendi hinzu, die wohl eher der Musiksprache des Sturm und Drang zuzurechnen sind.Problematischer, trotz der spieltechnisch und stilistisch hervorragend vorbereiteten Solistinnen Isabel Grünkorn und Dagmar Schwalke, geriet das d-Moll-Doppelkonzert.Die straffer gespannte Stahlsaite verlangt einen stärkeren Bogendruck, um anzusprechen.Sie verleiht dem fliegenden Wechsel von Staccato und Legato dadurch einen Nachdruck, der sich mit der eleganten Beiläufigkeit der Formulierungen schlecht verträgt. Das berühmte Largo leierte, weil der rhetorische Sinn der Begleitfiguren im wiegenden Siciliano-Rhythmus nicht realisiert wurde.Die D-Dur-Ouvertüre Nr.4 litt unter dem alten (Miß?-)Verständnis, daß barocke Pracht sich in breiten Tempi und breitem Klang ausdrückt.Hier, wo die Streichergruppe stärker besetzt war, haperte es in den schnellen fugierten Passagen auch mit einer glasklaren Artikulaton, die allein in so komplexen Sätzen die Gefahr des klanglichen Kuddelmuddels bannt. Ein besonderer Coup gelang Joachim Pliquett, indem er mit Edith Mathis die große Protagonistin der prähistorischen Aufführungspraxis Karl Richters für sein Projekt mit Bachs Solo-Kantate "Jauchzet Gott in allen Landen" BWV 51 aufs Podium zu bitten vermochte.Fast spurlos ist die Zeit an diesem in Hunderten von Aufnahmen festgehaltenen, traumhaft leichten und unverkennbaren Timbre vorübergegangen.Bach, der die hohen Stimmen liebte, wäre begeistert gewesen.Aber er hätte auch darauf bestanden, daß im tieferen Kammerton seiner Zeit musiziert werde.Schon um der verehrten Sängerin die Mühen der extremen Höhe zu ersparen.

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