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Erst half einer, dann seine ganze Stadt: Was Frankfurt an der Oder und Weligama auf Sri Lanka verbindet

Ruth Ciesinger[Weligama]

Waagen stehen auch auf der Liste. Rollstühle brauchen sie, ein Moped für die Hebammen, aber die Bitte um Waagen, die ist ziemlich dringend, denn die einzige, die die Gesundheitsbehörde von Weligama noch hat, sieht so aus, als hätten sie die Engländer 1948 zurückgelassen. Chefinspektor Mudiyanse hat das Gerät mit dem runden Ziffernblatt und dem schweren Emaillehals vor seinem Büro in Sicherheit gebracht. Hier, in einem Flachbau auf einem mit Bananenstauden bewachsenen Hügel an der Südküste Sri Lankas. Alle anderen Waagen hat das Meer verschluckt. Sie fehlen den Inspektoren und Hebammen, die sich um Gesundheitsvorsorge gekümmert haben. Sie haben Kinder untersucht, sie vermessen – und gewogen. Chefinspektor Mudiyanse hat deshalb diese Liste aufgestellt mit all dem, was helfen würde. Er hat sie an einen Deutschen, an Sven Oberländer aus Frankfurt an der Oder, herangetragen.

In der vergangenen Woche haben einen Tag lang die Ärzte gestreikt. Weil sie finden, dass zu viele ausländische Helfer da sind, die die Menschen kostenlos behandeln, und die einheimischen Doktoren dafür vergebens auf Patienten warten. Mudiyanse zuckt verlegen die mit zwei silbernen Äskulapnattern geschmückten Schultern. Denn Hilfe wird trotzdem gebraucht. Allein im Bezirk rund um das Küstenstädtchen leben einen Monat nach der Flutkatastrophe, die in Sri Lanka mindestens 30000 Menschen getötet und sehr viel mehr obdachlos gemacht hat, noch fast 2500 Menschen in Camps. Dem Inspektor und den ihm zugeordneten Krankenhäusern fehlt es vor allem an Geräten.

Sven Oberländer nun ist Teamleiter der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft in Frankfurt und mit besonderem Ziel in Weligama unterwegs. Frankfurt übernimmt, gemeinsam mit der polnischen Nachbarstadt Slubice, eine Patenschaft für Weligama. So, wie es der Kanzler in seiner Neujahrsansprache vorgeschlagen hat, um den vom Tsunami verwüsteten Gebieten zu helfen. In Sri Lanka übertreffen sich die deutschen Städte fast gegenseitig, allein für Galle interessieren sich mehrere. Wer von dort aus eine knappe Stunde mit dem Auto noch weiter nach Süden fährt, kommt nach Weligama. 21000 Einwohner hat das Städtchen, mindestens 406 von ihnen haben die Flut nicht überlebt. Schon vor der Katastrophe war der Ort arm und bei Urlaubern nicht besonders bekannt. Dass Frankfurt sich dennoch für ihn entschieden hat, liegt an Sven Oberländer und seinem Team.

Eine DLRG-Gruppe aus Frankfurt war noch am 27. Dezember auf eigene Faust nach Sri Lanka aufgebrochen. Das hat in Frankfurt auch richtig Ärger ausgelöst. Wilde Debatten gab es, vor allem über ausreichenden Impfschutz. Oberländer bringt das nicht von seiner Mission ab. Ein zarter Mann mit blond gefärbten Haarspitzen, der eine ausgeprägte Abneigung gegen bürokratisches Handeln hegt. Er sagt: „Planung ist das Ersetzen des Zufalls durch Irrtum“, und er will machen, was er für wichtig hält: Helfen genau dort, wo es am Nötigsten ist, möglichst schnell, auch wenn das nur kleine Dinge sein können. „Ameisentaktik“ nennt er das. „Wenn ich Leute sehe, die Hilfe brauchen, dann muss ich hin“, sagt er. „Sonst ist das unterlassene Hilfeleistung und strafbar.“

Nach dem, was die DLRG-Leute dann aus Weligama berichteten, einigte sich Oberbürgermeister Martin Patzelt Anfang Januar mit seinem polnischen Kollegen auf die Patenschaft. Patzelt hat seinen Winterurlaub nach Sri Lanka verlegt. Und Oberländer ist auch wieder hergeflogen.

In Weligama steht die staatliche Mädchenschule viele hundert Meter vom Strand entfernt. Nach dem Tsunami schwappte stundenlang das Meerwasser zwischen den Gebäuden, bis es in der rotbraunen Erde versickert ist. Die Flut kam vom Meer aus über die Küstenstraße , sie ist durch die einstöckigen Häuser gebrochen, hat Steinbrocken und Menschen mitgerissen und mitten in der Stadt noch die Schulmauer einstürzen lassen. Sie soll jetzt wieder aufgebaut werden.

Studenten sind mit Hacken und Schaufeln gekommen, sie schippen den Schutt beiseite und kratzen den vor sich hin faulenden Schlamm aus dem Entwässerungsgraben. In einem Klassenzimmer streichen Mädchen Holzpulte braun an. Den Gebäuden selbst ist wenig passiert, aber neue Tische und Stühle würden sie brauchen, sagt Direktorin Anoma Dhahanayake. Zudem sind die Musikinstrumente kaputtgegangen, im Hof türmen sich angeschlagene Trommeln aus Ton.

Für solche Fälle hat Oberländer, dem die Hitze feine Schweißperlen auf die Stirn getupft hat, direkte Patenschaftsangebote und Geld für erste Hilfe von drei Schulen aus Frankfurt und Umgebung mit dabei. Die Direktorin soll bitte auch eine Liste aufsetzen, mit dringend Benötigtem. Was geht, soll sofort gekauft werden. Auch am Jungencollege schaut Oberländer mit zwei Kollegen vorbei und an einer Grundschule. Dort hat der Unterricht wieder begonnen, doch in einem der Klassenräume leben noch immer 15 Familien, denen der Tsunami alles zerstört hat. Die Tische haben sie zusammengeschoben, in einer Ecke hängt über dem Boden ein Moskitonetz. Eine alte Frau, die nicht auf dem Beton hocken will, hat sich ein Stühlchen herangezogen, auf dem sonst Erstklässler sitzen. Der Direktor selbst empfängt in einem zum Warenlager umfunktionierten Büro. Ein Ventilator rührt in der feuchtwarmen Luft, der Schreibtisch verschwindet hinter Kisten aus Packpapier voll mit pinkfarbenen Schulbüchern. In einem Karton stapeln sich Hunderte von Kinderzeichnungen, vom Meer, das die Menschen verschlingt, und dem nur die Kokospalmen widerstehen. Der Direktor weiß von 18 Schülern, dass sie gestorben sind. Etwa 250 seiner mehr als 800 Schüler haben alles verloren, sagt er, und wünscht sich für sie Schreibzeug und Schultaschen. Auch Uniformen werden gebraucht, denn eigentlich darf in Sri Lanka kein Kind ohne Schuluniform zum Unterricht. Zwar haben die Direktoren dieses Gebot jetzt aufgehoben, doch viele Kinder kommen trotzdem nicht.

Aber in Weligama geht es jetzt nicht nur um Schulhefte oder Medikamente für ein Krankenhaus. Das sind zwar die kleinen „Ameisenschritte“, die Oberländer so schätzt, weil der Erfolg sofort zu greifen ist und weil einem fast nie ein Dritter hineinredet. Aber die Patenschaft mit Frankfurt soll auch langfristig sein. Und das verlangt strategisches Vorgehen. Um „Lücken zu sehen und Lücken zu füllen“, ist der Oberbürgermeister Martin Patzelt gekommen. Schließlich wollen schon an die 120000 Euro an Spendengeldern verteilt werden, und Bauunternehmer aus Frankfurt oder die Wasserwerke wollen ihr Fachwissen für den Wiederaufbau anbieten. Das Interesse am deutschen Besuch ist gewaltig. Der deutsche Botschafter in Colombo spricht zwei Stunden lang mit Patzelt, Sri Lankas Finanz- und der Entwicklungsminister wollen ihn treffen, ein Gespräch mit dem Polizeichef wird arrangiert. Im Hotel treten immer wieder Leute an ihn heran – weil sie von ihren Hilfsprojekten erzählen wollen, oder wie zwei Fischer, die gleich um ein Zelt bitten.

Der Stadtrat von Weligama hat zu Ehren des Gastes ein Banner malen lassen. Zwischen Kokospalme und Strommast spannt es sich vor dem Amtssitz quer über die Straße. In roter Schrift steht da in leicht verholpertem Deutsch: „Herzlich Willkommen Herr Oberbürgermeistr aus Frankfurt (oder)“. Im Repräsentierzimmer des Rates sitzt dann ein Dutzend Ratsmitglieder mit Patzelt und dessen Frau um einen glänzend polierten Tisch, um ihre Hoffnungen an die Frankfurter loszuwerden. An der Wand, unter dem Porträt von Präsidentin Kumaratunga, prangt ein Schild mit drei Wappen: denen von Frankfurt, Weligama und Slubice. Das Schild hat der deutsche Unternehmer und Plantagenbesitzer Thomas Gerbracht anfertigen lassen. Er hat das Treffen mit dem Stadtrat organisiert, sitzt mit am Tisch und hat ebenfalls ein Interesse an der Patenschaft.

Doch jetzt ist die Stunde des Vorsitzenden Danasiri Lorensuhewa. Der kleine Mann mit dem mächtigen, kohlrabenschwarzen Bart und der großen Brille lehnt im größten Ledersessel und schildert die Not Weligamas. 1356 Häuser hat die Welle vernichtet, auch sein eigenes ist zerstört, und seine Mutter ist gestorben. Abwasserkanäle sind verstopft, und vor allem die Fischer leiden. Ihre Hütten am Strand hat der Tsunami zu Trümmerhaufen zerhäckselt, ihre Boote ins Landesinnere geschleift und zerschlagen. Viele warten noch immer auf ein Zelt, in dem sie schlafen können. Patzelt macht sich Notizen, fragt nach, und sagt: „Wir werden all die Dinge überlegen.“ Wo sofort mit wenig Geld geholfen werden kann, oder Familienpatenschaften entstehen können, soll das passieren. Doch bei größeren Ausgaben hat der Spendenbeirat in Frankfurt ein Wort mitzureden. Ein Gremium, dass Patzelt in Zeiten der Oderflut 1997 schätzen gelernt und nun wieder ins Leben gerufen hat.

Patzelt ist wichtig, dass „kein Misstrauen entsteht“. Er hat dem Verwaltungschef des ganzen Gebietes angeboten, ihn über alle Vereinbarungen mit dem Ratschef schriftlich in Kenntnis zu setzen. Denn ohne die Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden gibt es keine Patenschaft. Jedoch weiß man dort im Moment wohl selbst noch nicht recht, wie es weitergehen soll. Zwar hat die Regierung schon einen „Masterplan“ gemacht, dafür, wie der Wiederaufbau im Süden vor sich gehen soll. Doch bis aus Plänen Handeln wird, dauert es. Selbst Mitglieder in der Verwaltung befürchten, dass Spendengelder versickern und klagen über Korruption. Und Vertreter von Regierungs- und Oppositionsparteien sind sich oft in so herzlicher Abneigung zugetan, dass eine Zusammenarbeit kaum möglich ist.

Doch bis jetzt sind die Frankfurter gut vorangekommen, auch Sven Oberländer hat einige Sachen anstoßen können. Geholfen hat ihm vor allem Sascha Gerbracht, der mit seinen Eltern seit zwölf Jahren auf Sri Lanka lebt. Der 17-Jährige spricht fließend Singhalesisch und dolmetscht zwischen Patzelt und Stadtratschef Lorensuhewa. Seine Familie hat nach der Flut nicht nur Lager in der Gegend wochenlang mit Essenspaketen versorgt, sondern auch mit anderen Geschäftsleuten ganze Flugzeugladungen an Hilfsgütern ins Land geschafft.

Sein Vater, Thomas Gerbracht, hat jetzt große Pläne für Weligama. Er sieht ein bisschen aus wie der Regisseur Werner Herzog bei den Dreharbeiten zu „Fitzcarraldo“ und sagt gern den Satz: „Den kenne ich, das ist ein Freund von mir.“ Die Lage auf Sri Lanka vergleicht er mit Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg: „Es ist die Zeit, die Ärmel hochzukrempeln und aufzubauen.“ Eine Uferpromenade schwebt ihm vor, auch um mehr Touristen in den Ort zu locken. Und Häuser möchte er bauen. Am besten kleine Siedlungen mit zweistöckigen Häuschen, „aus psychologischen Gründen“, damit die Bewohner sich sicher fühlen. Vielleicht mit etwas Land für jedes Haus, das die Leute bebauen können. Die Ernte könnte seine Firma abnehmen, die auf Sri Lanka mit 15000 Bauern zusammenarbeitet. Den Behörden hat er seine Pläne vorgelegt, Geld für den Landkauf erhofft er sich aus der Patenschaft, oder aus Kontakten, die darüber entstehen.

Bis jetzt ist aber kein Land gekauft. Dafür hat Sven Oberländer an der Dharmapala-Grundschule Rucksäcke verteilt, Stifte und Schreibblöcke. Die Direktorin der Mädchenschule hat sich statt der Musikinstrumente doch lieber die Reparatur ihrer Lautsprecheranlage gewünscht. Erst vor wenigen Tagen hat eine falsche Tsunami-Meldung eine Massenpanik ausgelöst, bei der mehrere Schülerinnen verletzt worden sind.

Einige Fischer sind einen Monat nach der Katastrophe zum ersten Mal wieder mit geflickten Booten aufs Meer hinausgefahren. Manche fischen mit Dynamit, was verboten ist. Aber so fangen sie mehr. Jetzt steht am Bahnübergang von Weligama wieder ein Mann, und hat auf ein paar Brettern Makrelen ausgebreitet. Die Fische glänzen silbrig in der Dämmerung. Wenig später hat er sie verkauft.

Nachtrag: Martin Patzelt ist wieder nach Frankfurt zurückgekommen. Er hat auf der Insel Kontakte zu anderen Gewährsmännern sowie zum Beispiel dem Roten Kreuz von Sri Lanka geknüpft. Mit Hilfsorganisationen soll weiter an Projekten vor allem für die ganz Armen gearbeitet werden. Eines aber, sagt Patzelt, ist ihm immer noch nicht klar: Was können die Städte wirklich langfristig für den Wiederaufbau tun, wenn das große Geld jetzt vor allem bei den Wohlfahrtsorganisationen und bei der Regierung liegt?

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