Zeitung Heute : Partner oder Besatzer?

MALTE LEHMING

Die Zeiten der Annäherung im Nahen Osten sind vorbei, der Friedensprozeß steckt in seiner tiefsten KriseVON MALTE LEHMINGSo kann es nicht weitergehen; um unserer gemeinsamen Zukunft willen müssen wir nach einer Lösung suchen, die die Ängste der einen Seite ebenso ernst nimmt wie die Hoffnungen der anderen: Von dieser Einsicht war die Vertragsunterzeichnung zwischen Israel und der PLO am 13.September 1993 in Washington getragen.Israel schien verstanden zu haben, daß die Stärke einer Besatzungsmacht auch eine Schwäche bedeutet, weil sie die Köpfe und Herzen der Besatzer korrumpiert.Die Palästinenser schienen begriffen zu haben, daß die totale Verweigerung jeden Kompromisses sie ihrem Ziel nicht näher bringt.Daß der Weg zu einer Versöhnung lang und von Rückschlägen überschattet sein wird, wußten die neuen Partner.Aber weil der Wille zum Ausgleich vorhanden war, konnten Entführungen und Selbstmordanschläge, Ausweisungen und Inhaftierungen, Raketenbeschuß und Vergeltungsschläge die Substanz der Verhandlungen lange Zeit nicht gefährden.Zum erstenmal entstand sogar Vertrauen in die guten Absichten des einst bösen Nachbarn. Diese Zeiten sind vorbei.Der Friedensprozeß im Nahen Osten steckt in seiner tiefsten Krise.Israel hat die Verhandlungen abgebrochen und schickt Bulldozer, um Siedlungen zu bauen, und Panzer, um die Siedler zu bewachen, sagen die Palästinenser.Jassir Arafat gibt grünes Licht für Terroraktionen, behauptet die Regierung in Jerusalem.Unterdessen geht die Mini-Intifada, ausgelöst durch den Baubeginn der Siedlung Har Homa im Ostteil Jerusalems, in die zweite Woche.Erneut schießen israelische Soldaten mit Gummigeschossen auf steineschmeißende Kinder.Dabei könnte der Kontrast kaum schärfer sein: Jitzhak Rabin und Shimon Peres war es gelungen, einen Keil zwischen die Palästinenser zu treiben - hier die Pragmatiker, dort die Extremisten.Benjamin Netanjahu jedoch lockert diesen Keil wieder durch seine gefährliche, teils unbedachte, teils provozierende Art.Ginge es nach ihm, so vermuten viele Palästinenser, habe Arafat brav den Terror zu bekämpfen, ansonsten jedoch nur die Müllabfuhr von Ramallah zu organisieren. In der Tat ist sich Israel weder über seine eigene Zukunft noch über die der Palästinenser im Klaren.Doch mitunter können Gedenktage einen solchen Prozeß beschleunigen.Im Juni jährt sich zum 30.Mal der Sechstagekrieg, der mit einem glorreichen Sieg der Israelis über eine versammelte arabische Streitmacht endete.Es jährt sich aber auch der Beginn der israelischen Herrschaft über ein anderes Volk.Ein Fluch also oder ein Segen? Heißt die Lektion, daß den Arabern nicht zu trauen ist, daß man stark, groß und mächtig bleiben muß, daß "Judäa und Samaria" sicherheitshalber unter israelischer Souveränität bleiben sollen? Oder setzt sich die Erkenntnis durch, daß eine Teilung des Landes so schmerzhaft wie notwendig ist, weil anders ein echter Frieden niemals erreicht werden kann? Vor dieser Alternative steht das Land.Es sollte einer Entscheidung nicht länger ausweichen. Dabei helfen könnte auch ein zweiter Gedenktag.Im August jährt sich zum 100.Mal der erste zionistische Weltkongreß."In Basel habe ich den Judenstaat gegründet", notierte Theodor Herzl in seinem Tagebuch.Er sollte recht behalten.Nur: Was fühlten wohl die Palästinenser, läsen sie heute Herzls bange Frage: "Können wir auf bessere Zeiten hoffen, uns in Geduld fassen, mit Gottergebung abwarten, daß die Fürsten und Völker der Erde in eine für uns gnädigere Stimmung geraten?" Und was dächten sie bei folgendem Satz: "Der Staat entsteht durch den Daseinskampf eines Volkes."? Natürlich darf man nicht gleichsetzen.Kein Volk hat dasselbe Schicksal wie ein anderes.Manchmal allerdings schärft die Erinnerung an eigene Not den Blick für die Nöte des anderen.

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