Zeitung Heute : Pasta oder Pavarotti

Der historische 24. Februar 1988: 165 Vorhänge in der Deutschen Oper – das ist Weltrekord

Rüdiger Schaper

Große Geschichten werden im Laufe der Zeit immer größer. Jede Erzählung fügt etwas hinzu. Das ist das Wesen der Erinnerung. Der Mythen und der Dichtung. Eine Wahrheit über jenen legendären Abend in der Deutschen Oper Berlin – die Rede ist vom 24. Februar 1988 – steht im Guinness-Buch der Rekorde. Luciano Pavarotti ertrank schier im Jubel, schaffte 165 Vorhänge in 67 Minuten. Weltrekord!

Der Tagesspiegel in seinem gepflegten Understatement meldete damals nur 115 Vorhänge in 62 Minuten. Auch eine Wahrheit. Wer dabei war, konnte mitzählen. Ich war dabei. Und dann doch nicht. Aber der Reihe nach.

Opern-Weltrekord war es auf jeden Fall. Und eine wunderbare Farce. Pavarotti sang „L’elisir d’amore“ von Donizetti. Die Inszenierung war nicht der Rede wert. 1988 gab es viele wunderbare, neue Inszenierungen und Experimente in der Stadt. Berlin, West-Berlin, war „Kulturstadt Europas“ und nannte sich „Werkstatt des Neuen“. Robert Wilson und Brian Eno versenkten Millionen DM in der Freien Volksbühne mit ihrem „Forest“-Projekt. Einige Jahre später sollte die Freie Volksbühne selbst untergehen. Im Hebbel-Theater gab es eine westöstliche Heiner-Müller-Werkschau, man hätte also etwas ahnen können von wegen Mauerfall. Man ahnte nichts in jener Zeit auf der Insel. Die Kulturetats waren noch so umfänglich, wie Pavarotti einmal werden sollte.

Musikredakteurin Sybill Mahlke schrieb damals zu seinem Gastspiel im Tagesspiegel: „Eine hübsche Nebensache alles in allem oder auch eine Überflüssigkeit, der man jedoch nicht böse sein mag.“ Das Ensemble, wenn es denn diesen Namen verdiente, gereichte dem Star zur Dekoration. Die Leute, die Zeugen eines historischen Moments werden sollten – auch das ahnte natürlich niemand, als der Vorhang hoch ging –, waren schließlich wegen Pavarotti gekommen. Was man im Grunde von der gesamten Oper sagen konnte: Sie wurde nur seinetwegen aufgeführt. Alles steuerte auf Pavarotti zu, der ja auf der Bühne damals schon nicht zu verfehlen war. Um genau zu sein: Alles steuerte auf eine einzige Arie zu. „Una furtiva lagrima“. Einst ein Superhit von Caruso. In der Bismarckstraße besang Pavarotti an jenem Abend die „flüchtige Träne“ so herzzerreißend, dass er sogleich durchstarten musste. Ohrenbetäubender Jubel, da capo. „Una furtiva lagrima“.

Apropos Flucht. Wir sind damals gleich nach Ende der Vorstellung über die Straße zum Italiener gegangen. Pasta statt Pavarotti. Wir spachtelten und tranken und wunderten uns, dass nach einer Stunde noch völlig beseelte Opernbesucher ins Lokal kamen; erschöpft und, wie uns allmählich dämmerte, mit wund geklatschten Händen und heiseren Kehlen.

Ein Albtraum. Drüben applaudierten die Berliner Pavarotti zum Weltrekord, und wir hatten Hunger. Ein Trost: Auch bei Luciano Pavarotti geht die Oper durch den Magen. Und die Oper hieß schließlich „Der Liebestrank“.

Noch einmal die Tagesspiegel-Kritikerin: „Wenn Pavarotti sich an der Bühnenseite dem lässigen Verzehr eines Apfels widmet, degradiert er die singenden Sänger in der Mitte zu Nebenfiguren.“ Der Star durfte also schon auf der Bühne essen. Und getrunken wurde auch, auf offener Szene. Das müssen wir irgendwie beherzigt haben.

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