Zeitung Heute : Patienten mit hohen Erwartungen

Trotz des hohen Versorgungsniveaus stehen die Deutschen dem eigenen Gesundheitssystem kritisch gegenüber

Beatrice Hamberger

Eigentlich haben die Deutschen allen Grund, zufrieden zu sein: Die neue Herzklappe aus Deutschlands modernstem Hybrid-OP, das lebensverlängernde Krebsmedikament für Hochbetagte, die kostspielige MRT-Untersuchung, die nur das Schlimmste ausschließen soll – die Chipkarte reicht und 70 Millionen Kassenpatienten erhalten ein nahezu uneingeschränktes Leistungsversprechen. Freie Arztwahl obendrein.

Das Fast-Alles-Inklusive-Angebot verschlingt rund 250 Milliarden Euro im Jahr, das sind zehn Prozent des Bruttosozialprodukts. Damit ist das deutsche Gesundheitssystem das viertteuerste der Welt – übertroffen nur von Frankreich, der Schweiz und den USA. Der Sachverständigenrat bemängelt zwar seit Jahren eine gigantische Verschwendung, dennoch kommt viel Geld in der Versorgung an.

Wie sonst könnten die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) über den im internationalen Vergleich umfangreichsten Leistungskatalog mit den geringsten Zuzahlungen verfügen, wie der Gesundheitsökonom Fritz Beske feststellt?

Als leistungsfähig, aber teuer bezeichnet etwa die OECD das deutsche Gesundheitssystem. Deutschland sei das Land mit überdurchschnittlich vielen Ärzten und Krankenhausbetten, heißt es in der internationalen Vergleichsstudie „Gesundheit auf einen Blick“. Demnach liegen die Deutschen auch bei der Anzahl der Arztbesuche und dem Arzneimittelverbrauch über OECD-Durchschnitt. Eine teure und – sagen wir – üppige Versorgung garantiert zwar noch keinen Behandlungserfolg, sagt aber letztlich viel über die Leistungsfähigkeit eines Systems, das in Expertenkreisen als „eines der besten Gesundheitssysteme der Welt“ gilt.

Pfründe werden ungern aufgegeben. Das schlägt sich auch in Umfragen nieder. Nach dem jüngsten MLP-Report der Bundesärztekammer bewertet zwar die Mehrheit der Bevölkerung das deutsche Gesundheitssystem als gut, findet aber, dass sich die Versorgung in den letzten Jahren verschlechtert hat. Schlimmer noch: Die meisten befürchten gravierende Verschlechterungen in den nächsten Jahren und auch die Angst, notwendige Leistungen nicht verschrieben zu bekommen, treibt die Menschen um. Für den Präsidenten der Bundesärztekammer Frank Ulrich Montgomery belegen die Umfrageergebnisse „den Vertrauensverlust der Menschen in die Gesundheitspolitik“. Da verwundert nicht, dass die Deutschen laut MLP-Report weniger zufrieden mit dem eigenen Gesundheitssystem sind als etwa die Schweizer, die Niederländer oder Schweden, also Menschen aus Ländern mit einem vergleichbar hohen Versorgungsniveau.

Einen erstaunlichen Befund hingegen ergab eine Umfrage des Commonwealth Fund aus 2008: Während nur 34 Prozent der Deutschen die Qualität der Versorgung als „sehr gut“ bezeichneten, war der Anteil der sehr Zufriedenen in England, Kanada und Australien fast doppelt so hoch. Dabei ist England eher für ein marodes Gesundheitssystem bekannt. Die Befragungen in Deutschland hatte das IQWiG-Institut unter Federführung von Peter Sawicki durchgeführt. Der ehemalige IQWiG-Chef kann sich das Ergebnis nur damit erklären, „dass Patienten in Deutschland kritischer sind oder höhere Erwartungen haben als Patienten in den anderen Ländern.“ Und weiter erklärt er: „Die subjektive Zufriedenheit scheint ein Resultat aus Erwartung und Realität zu sein.“

Heißt das, die Deutschen sind zu anspruchsvoll? Zumindest eine hohe Erwartungshaltung bescheinigt ihnen der Chef der Techniker Krankenkasse (TK) Norbert Klusen. „Wenn sich fast die Hälfte eines Volkes als chronisch krank bezeichnet, lässt das auch Rückschlüsse auf die Erwartungshaltung gegenüber unserem Gesundheitswesen zu.“ In einer von der TK initiierten Studie hatte sich die Mehrheit der Befragten nicht nur über einen subjektiv schlechten Gesundheitszustand beklagt, sondern besonders die Kommunikation mit dem Arzt und eine mangelnde Einbindung in Therapieentscheidungen kritisiert.

Angesichts der erbitterten Kämpfe, die seit Jahren um GKV-Leistungen toben, klingen diese Kritikpunkte geradezu wie ein Luxusproblem. Jahrzehntelang gab es fast alles auf Kassenrezept, jetzt wird von den Deutschen mehr finanzielle „Eigenverantwortung“ verlangt. Als der Gemeinsame Bundesausschuss im März Blutzuckerteststreifen für nicht insulinpflichtige Diabetiker aus dem Leistungskatalog strich, fanden Protestmärsche in ganz Deutschland statt.

Für die Betroffenen sind solche Einschnitte schmerzlich. Und doch zeigen die Proteste, was Peter Sawicki mit der Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit meinen könnte. „Wir fahren Mercedes, glauben aber einen reparaturbedürftigen Golf zu steuern“, kommentierte er mal die kritische Haltung der Deutschen. Daran dürfte sich bis heute nichts geändert haben, auch wenn inzwischen das eine oder andere Mittelchen einer neuen Kassenleistung gewichen ist.

Beatrice Hamberger

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