Zeitung Heute : Patriarch der Moderne

Die Galerie Refugium zeigt Arbeiten von Hermann GlöcknerHeute, 70 Jahre nach seiner ersten Ausstellung in Berlin bei Victor Hartberg, ist es nur noch schwer zu glauben, daß der Dresdner Konstruktivist Hermann Glöckner - der 1987 im Westberlin verstarb - fast sein ganzes Leben lang einer breiten Öffentlichkeit unbekannt war.In seinen späten Jahren hieß man ihn zwar einen "Patriarchen der Moderne", aber richtig durchgesetzt wurde sein Werk erst nach der Wende, die er nicht mehr erlebte.Aus dem in Dresden bewahrten Nachlaß speisen sich seitdem immer wieder - auch in Berlin - Ausstellungen von kommerziellen Galerien. Derzeit stellt die Galerie Refugium Arbeiten von Glöckner aus; sie hebt allerdings keine einzelne Werkgruppe speziell heraus, sondern zeigt einen gut zusammengestellten Querschnitt aus dem Gesamtwerk, das nicht nur geprägt ist von der Liebe zur Geometrie, sondern auch von der Bereitschaft zur spontaneren Geste.Die Galerie, die erst kürzlich nach Berlin (Mitte) kam, präsentierte Glöckner bereits 1993 und 1996 damals noch in Neustrelitz.In der aktuellen Ausstellung ist zuerst das Selbstbildnis von 1926 zu nennen (52 000 DM).Es steht für eine Werkphase, in der er sich zwar bereits mit der reinen Flächengestaltung beschäftigte, sich parallel dazu aber auch in die Hauptströmung der Zeit, die Neue Sachlichkeit, einzuordnen suchte.Das Selbstporträt ist mit breitem Strich gemalt, aber dieses "malerische" Moment ist doch gebrochen durch die "geometrisierende" Pinselführung in einigen Partien: in der Art, wie einige Geraden, die sich im Bereich der Nasenwurzel kreuzen, quer durch das nachdenkliche Gesicht gezogen sind. Ein "Mädchenbildnis", das zehn Jahre später entstand (46 000 DM), ist monumentaler aufgefaßt und läßt in der Typisierung der Gesichtsform an Oskar Schlemmer denken.Das Kind erscheint vor einem flächigen Hintergrund, bei dem der Maler mit sorgfältiger Durcharbeitung den Eindruck des Unfertigen, Zufälligen zu erwecken suchte.Neben den "Faltungen", "Kurvenschwüngen", "Gebrochenen Blättern", "Teilungen" (bis 24 000 DM) sind einige, auf den ersten Blick unscheinbare, Landschaftszeichnungen interessant, weil sie nachvollziehbar machen, wie Glöckner auch in den "Höhenzügen eines Gebirges" (1930, 2000 DM) die übergreifende Struktur sah - alles Kleinteilige wird ausgeblendet.ANDREAS QUAPPE Galerie Refugium, Auguststraße 19, bis 26.Juni; Mittwoch bis Freitag 14-19 Uhr, Sonnabend 11-17 Uhr.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar