Zeitung Heute : Pauken für den OP

Seit zwei Jahren sind Ärzte gesetzlich verpflichtet, sich kontinuierlich zu bilden. In Berlin soll es 2006 die ersten Zertifikate geben

Adelheid Müller-Lissner

Dass Ärzte eine fleißige Berufsgruppe sind, haben sie in den Protestaktionen der letzten Monate der Öffentlichkeit wieder eindrücklich zu vermitteln versucht. Offensichtlich gilt das auch, wenn sie den weißen Kittel abgelegt haben und sich gerade nicht direkt um ihre Patienten, sondern um ihre eigene Fortbildung kümmern. Ein neues Zertifikat, das in Zukunft in vielen deutschen Sprechzimmern die Wände schmücken dürfte, ist sozusagen der amtliche Beweis für den Fleiß der Mediziner.

In diesem Dokument steckt nämlich eine Menge Lebenszeit. Die Landesärztekammern stellen es ihren Mitgliedern aus, wenn sie in fünf Jahren insgesamt 250 Punkte gesammelt haben. Jeder Punkt entspricht etwa 45 Minuten Zuhören und Mitmachen bei wissenschaftlichen Vorträgen und praxisbezogenen Kursen – am Abend, am Mittwoch Nachmittag, wenn die Praxis geschlossen ist, oder am „freien“ Wochenende.

Mit dem Gesundheitsmodernisierungsgesetz von 2003 wurde die Verpflichtung zum Fleiß in Paragraph 95 d des Sozialgesetzbuches für niedergelassene Vertragsärzte und in Paragraph 137 für Krankenhausärzte amtlich festgeschrieben. Bis 2009 muss der erste Nachweis von den Niedergelassenen erbracht sein, sonst drohen in den ersten zwei Jahren Abzüge von der Vergütung durch die Kassen, danach sogar der Verlust der Zulassung als Kassenarzt. Bis 2011 müssen die Krankenhausärzte den Nachweis erbringen. Die 250 Punkte in fünf Jahren sind also keine Kür, sondern Pflicht.

Wie das Fortbildungsgebot praktisch umzusetzen ist, hat der Ärztetag inzwischen beschlossen. „Das Verfahren ist für niedergelassene Ärzte und für die Mediziner aus den Kliniken in trockenen Tüchern“, versichert Heyo Eckel, Präsident der Ärztekammer Niedersachsen und Vorsitzender des Senats für Ärztliche Fortbildung der Bundesärztekammer, im Gespräch mit dem Tagesspiegel.

Die Mediziner können Punkte sammeln, wenn sie Kongresse oder Seminare besuchen, aber auch, wenn sie Fachzeitschriften studieren und danach Fragebogen zum Kenntnisstand richtig beantworten. Berliner Ärztinnen und Ärzte bekommen von ihrer Ärztekammer dafür einen Fortbildungsausweis in Scheckkartengröße und Barcode-Aufkleber, mit denen sie sich bei den Veranstaltungen registrieren lassen können. Für das Einsammeln der Punkte und das Ausstellen der Zertifikate sind dann ebenfalls die Kammern zuständig, die sogar ihr Personal aufstocken mussten, um die Fortbildungskonten ihrer Mitglieder ordnungsgemäß führen zu können. „2006 werden auf Anfrage die ersten Fortbildungszertifikate ausgestellt“, sagt Katrin Bräutigam, Leiterin des Referats Fortbildung der Berliner Ärztekammer.

Die Veranstalter ihrerseits müssen dort beantragen, Punkte für die Teilnahme an ihrem Kongress oder Seminar vergeben zu dürfen. 8000 Anträge sind allein bei der Berliner Ärztekammer im Jahr 2005 eingegangen – von der kleinen, klinikinternen Konferenz bis zum Weltkongress im ICC.

„Wir müssen das natürlich in manchen Fällen ablehnen, hatten aber bisher deshalb noch wenig Auseinandersetzungen“, sagt Eckel. Zum Beispiel steht in der Fortbildungsordnung, dass zertifizierte Fortbildungen „frei von wirtschaftlichen Interessen“ zu sein haben. Ohne Unterstützung der pharmazeutischen Industrie ist andererseits die Fortbildung von Medizinern heute international undenkbar. Eine Gratwanderung. „Wir müssen aufpassen, dass es nicht zur direkten Werbung kommt“, mahnt Eckel. Veranstaltungen müssten grundsätzlich „produktneutral“ sein. Andererseits gelte aber auch: „Die Tatsache, dass eine Firma die Veranstaltung unterstützt, sagt keineswegs, dass es sich um eine schlechte Fortbildung handelt.“ Schwierig seien aber auch Veranstaltungen, die sich in Grenzbereichen zur „Paramedizin“ bewegen, sagen Eckel und Bräutigam.

Grundsätzlich können die Ärztekammern selbst, aber auch wissenschaftliche Fachgesellschaften, Berufsverbände, Krankenhäuser, Institute oder Arztpraxen als Veranstalter fungieren. Ein ärztlicher Leiter muss die Einhaltung der geforderten Güte-Kriterien garantieren. Die Ärztekammern wiederum werten die Veranstaltungen anhand von Evaluationsbögen der Teilnehmer aus.

Weil das Wissen in der Medizin schnell veraltet, ist heute keiner ein guter Arzt, der nicht die Bereitschaft mitbringt, kontinuierlich dazuzulernen. „Dabei geht es keineswegs nur um die fachspezifische Fortbildung. Zum Erhalt der Kompetenz gehört auch der Blick über den Tellerrand des eigenen Fachgebiets“, betont Katrin Bräutigam. Auch gesellschaftlich relevante Themen wie häusliche Gewalt oder wichtige, aber oft tabuisierte Bereiche wie der Umgang mit ärztlichen Fehlern stehen daher in Fortbildungen auf der Tagesordnung. In der Wahl der Seminare und Kongresse, mit denen sie ihre Punkte sammeln, sind die Ärzte frei. Jeder kann aus dem Angebot die passenden Inhalte und Veranstaltungsformen nach seinen Bedürfnissen auswählen. Man kann seine Punkte also hoch spezialisiert oder breit gefächert sammeln.

„Wir Ärzte werden anders kontrolliert als andere Berufsgruppen“, sagt Fortbildungs-Spezialistin Bräutigam. Angesichts des besonderen Aufgabengebiets der Mediziner, nicht zuletzt aber auch angesichts der Honorierung durch die Krankenkassen ist das plausibel. Bei den Ärztekammern sieht man die neue gesetzliche Verpflichtung zur Fortbildung dennoch mit gemischten Gefühlen. „Dahinter steckt auch ein gewisses Misstrauen und die Behauptung, dass Ärzte sonst nicht genug für ihre Fortbildung tun würden“, vermutet Eckel.

Doch schon vor dem Gesundheitsmodernisierungsgesetz gab es Verfahren zur freiwilligen Zertifizierung. Die Ärztekammer Berlin etwa hat schon 2001 in einem Modellversuch ein eigenes Verfahren eingeführt. „Mit dem freiwilligen Zertifikat waren wir auf einem guten Weg“, sagt auch Niedersachsens Kammerpräsident Eckel. Eine gesetzlich festgeschriebene Verpflichtung zur Fortbildung gibt es nach Auskunft der Bundesärztekammer nur in Slowenien und für die Allgemeinmediziner in den Niederlanden. In Belgien setzt man auf ein anderes Prinzip: Dort werden Ärzte mit besserer Bezahlung belohnt, wenn sie sich regelmäßig fortbilden.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben