Zeitung Heute : Paukenschlag mit Zauberflöte

Pfingsten 1977, die „Zauberflöte“ kehrt aus Polen nach Berlin zurück – das spektakuläre Ereignis im Spiegel der damaligen Presse

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Von Jeanette Lamble Mitte der 70er Jahre verstärkte sich in den westlichen Medien die These, kostbare Bestände der Preußischen Staatsbibliothek, deren Spur sich 1945 im Kloster Grüssau in Schlesien verlor, hätten den Krieg unversehrt überstanden. Es ging um mehr als 500 Kisten, die sich bei Kriegsende in den vom Faschismus befreiten und bald darauf zu Polen gehörenden Ostgebieten befanden. Der Inhalt: wertvolle orientalische und abendländische Handschriften, seltene Drucke, Autographe und die bedeutendsten Stücke der Berliner Musiksammlung, darunter „Die Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart – das vollständige Werk und Skizzen mit insgesamt 452 Seiten.

Das Schicksal der meisten Bestände der Preußischen Staatsbibliothek, die im Krieg in 30 Orten in Sicherheit gebracht wurden, klärte sich zwar bald auf, manche Sammlungen jedoch blieben verschollen. Nachforschungen der Bibliothekare nach dem Verbleib des Depots Kloster Grüssau blieben bis zum Jahr 1961 unbeantwortet, dann wurde mitgeteilt, die Kisten samt Inhalten seien vermutlich ein Raub der Flammen geworden. Doch die Fachwelt zweifelte, wohl nicht zuletzt ob der ungeheuren Vorstellung, Autographen von A. v. Humboldt, Hegel, Bach, Beethoven, Bruckner, Mozart und andere Originale seien tatsächlich verbrannt. Die Spurensuche ging weiter.

In den 70ern publizierten unabhängig voneinander zwei Wissenschaftler, der britische Zoologe Peter Whitehead und der deutsche Philosoph Dieter Henrich, ihre jeweiligen Rechercheergebnisse: Whitehead 1976 in der englischen Zeitschrift „Notes“, Henrich 1977 in der Kulturzeitschrift „Neue Rundschau“. Beide kamen zu dem Schluss, dass die wertvollen Berliner Bestände sicher verwahrt in Polen liegen könnten, gar müssten.

Nun griffen auch die Tageszeitungen das Thema wieder auf, zuerst die Londoner „Times“ Anfang April 1977. Diesen Faden verfolgte am 5. April die „Berliner Morgenpost“ und stellte nun ebenfalls die Frage, ob „Verschollene Handschriften Mozarts wieder aufgetaucht?“ seien. Im Grundton skeptisch wurde von den Nachforschungen Whiteheads berichtet, der eigentlich auf der Suche nach einem Druck der Preußischen Staatsbibliothek über Fische gewesen sei. Durch umfangreiche Korrespondenzen sei er dann auf den Gedanken gekommen, dass das von ihm gesuchte Werk sich zusammen mit den Musikautographen in den verschollenen Kisten im Kloster Grüssau befunden haben könnte. Eine Nachfrage in Warschau sei mit der überraschenden Aussage beantwortet worden, dass sich die musikalischen Manuskripte in einem guten Zustand befänden. Die überregionalen Zeitungen, so die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, zogen nach. Keine Resonanz hingegen zeigten die ostdeutschen und polnischen Medien. Fünf Tage später füllte die „Berliner Morgenpost“ eine ganze Seite mit einem bereits von Gewissheit getragenen ausführlichen Bericht über die einstige Verlagerung der Schätze und die Recherchen Whiteheads.

Noch im gleichen Monat brach das Eis in den polnischen Medien. Die Nachrichtenagentur „PAP“ meldete, dass „Kostbarkeiten der ehemaligen Preußischen Staatsbibliothek gefunden“ und „gegenwärtig überprüft, eingeschätzt und registriert“ würden. Um welche Kostbarkeiten es sich handelte, blieb indes unerwähnt. Doch in derselben PAP-Meldung, nachzulesen in der deutschen Ausgabe der „Zycie Warszawy“ vom 27. April, kündigte sich bereits an, was wenige Wochen später als Paukenschlag durch die Weltmedien gehen sollte: Bei ihrer letzten Begegnung hatten die Regierungschefs Edward Gierek und Erich Honecker „die Wichtigkeit unterstrichen, die das Problem der Suche und Rückerstattung von Kulturgütern beider Völker für die ständige Festigung ihrer freundschaftlichen Zusammenarbeit hat“.

Einen Monat später reiste eine polnische Staatsdelegation nach Ost-Berlin. Das Pfingstwochenende 1977 stand dort ganz im Zeichen der Kooperation, beide Regierungen unterzeichneten einen neuen Freundschaftsvertrag. Außerdem wechselten an diesem 28. Mai eine Kassette und ein Porträt von König Jan III. Sobieski die Besitzer. Ob Honecker ebenso überrascht und zugleich erleichtert war, wie später die Bibliothekare und die Musikwelt, sei dahin- gestellt. In der ihm überreichten Kassette lagen sechs Musikhandschriften. Im Einzelnen waren dies die Arbeitsniederschrift der 9. Sinfonie Ludwig van Beethovens, die „Jupiter-Sinfonie“, die „c-Moll-Messe“ und „Die Zauberflöte“ Wolfgang Amadeus Mozarts, ein Cembalokonzert und eine Flötensonate Johann Sebastian Bachs.

Dass diese Pretiosen und andere Bestände aus Grüssau schon bald nach Kriegsende in die Jagiellonen-Bibliothek nach Krakau gebracht wurden, bestätigte Gierek in seiner Rede und gab so endlich Gewissheit über den Verbleib des Grüssauer Depots, zumindest von Teilen daraus.

Die Leser des „Neuen Deutschland“ erfuhren von der Rückgabe der Musikautograph erst am Dienstag – da war Pfingsten vorbei und die entsprechenden Meldungen und Kommentare im Tagesspiegel, der „Süddeutschen Zeitung“, der „Times“, der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und anderen West-Medien schon Nachrichten von gestern und vorgestern. Am 1. Juni nahm die Bibliothek die Werke endlich entgegen, kurz darauf widmete sich eine Expertenkommission der wissenschaftlichen Erforschung der Originale, und schließlich wurden sie im Juli 1977 sechs Tage lang der Öffentlichkeit präsentiert. Übrigens korrigierte der damalige Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hans-Georg Wormit, Anfang Juni eine dpa-Meldung: Er begrüßte nicht die Rückgabe der Klassiker-Partituren an die DDR, wohl aber die Rückkehr der Partituren nach Deutschland.

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