Zeitung Heute : Paula Fox: Alice im US-Wunderland

Hellmuth Karasek

Sie ist jung, 17 Jahre, gammelt in New York herum, steht Künstlern Modell, verkehrt auf Partys in der Greenwich Village Bohème; ihr Vater, ein Tunichtgut, der dem Alkohol zuspricht und immer wieder neuen, immer jüngeren Frauen verfällt, hat sie gerade im Stich gelassen.

Da beschließt sie, was so viele "junge Dinger" in Amerika tun, nach Los Angeles zu trampen, sich an der Westküste (die immer noch eine Art Goldgräberküste ist, nur dass inzwischen statt nach Gold nach dem schnellen Geld Hollywoods gebaggert wird) niederzulassen, so weit man sich dort, wo dauernd umgezogen wird und niemand sesshaft werden muss in der ewigen Sonne, niederlassen kann.

Ein amerikanisches Schicksal, das "On the Road" beginnt, nur dass Annie Gianfalla (so heißt die Romanheldin) nicht in der Sonne, sondern im Dunkel des Kellers eines billigen Kleiderwarenhauses landet, für schäbige 11 Dollar die Woche, und dass sie, offenbar ist sie, obwohl grotesk schäbig gekleidet, schön, die Männer anzieht wie der Zucker die Wespen.

Paula Fox, die im letzten Jahr in Deutschland durch ihren bereits 1971 geschriebenen Roman "Was bleibt" über die Verunsicherung der US-Mittelklasse in den sechziger Jahren mit einem Schlag hochgeschätzt wurde, hat die "Kalifornischen Jahre", fast 500 Seiten verwirrend vielfältiger Beobachtungen des american way of life, 1973 in den USA veröffentlicht - als ihre ganz eigene Retrospektive auf das Amerika und speziell auf das Hollywood von 1940 bis 1945. Nicht zufällig ist sie exakt gleich alt wie ihre Heldin Annie.

Und was das Buch, das ein Erziehungsroman ist, eine "éducation sentimentale", auszeichnet: Es beschreibt das Amerika, das in den Zweiten Weltkrieg eintritt. Am Anfang fliegen japanische Kriegsflugzeuge über Los Angeles, die linken kommunistischen Zirkel diskutieren den Hitler-Stalin-Pakt, und von Hitler sagt einer der Bohèmiens: "In Deutschland ist es jetzt so schrecklich! Dieser furchtbare, gewöhnliche Kerl. Ich höre ihn manchmal im Radio. Seine Stimme kommt aus der Steinzeit."

Ein Roman verstörter, aufgestörter junger Leute, Linke, Antisemiten, Weltverbesserer, Gestrandete - und fast alle Männer sind hinter Annie, einer Alice im amerikanischen Wunderland, her, die alles, Verführungen, Heirat, Scheidung, unversehrt, wachsend und zu sich selbst findend, übersteht. Aber schon damals, im Hollywood der Europaemigranten, der Filmstars mit den Porzellanzähnen, der staubigen Landstraßen zwischen Santa Monica und Malibu, lebte man auf Pump und auf einer Dauerparty, von der jeder wusste, wo sie lief (nämlich überall), und niemand wusste, warum.

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