Zeitung Heute : PC-Games nutzen mit historischen Stoffen den Edutainment-Boom

KURT SAGATZ

Die spielerische Vermittlung von historischem Wissen - kurz Edutainment - in der Erwachsenen-Unterhaltung hat in der diesjährigen Spielesaison eine neue Bedeutung erhalten.Einige aktuelle Spiele verbinden auf bisher nicht gekannte Weise die Wiedererschaffung untergegangener Epochen mit durch kriminalistische Spannung gekennzeichnete Stories, die mehrstündigen, ja teilweise wochenfüllenden Spielspaß versprechen.Nicht wildes Herumklicken wird belohnt, gefragt ist vielmehr eine ernsthafte Recherche, um den verborgenen Geheimnissen auf die Spur zu kommen.

Bereits seit einigen Monaten auf den Markt ist "Das Grab des Pharao".Dabei handelt es sich um das erste Adventure, das Ravensburger interactive für ältere Spieler, also für Jugendliche und Erwachsene, in sein Programm aufgenommen hat.Hintergrund des Spiels ist ein Ereignis, das sich im 29.Herrschaftsjahrs von Ramses III vor nunmehr über 3000 Jahren tatsächlich zugetragen haben soll.Damals begingen notleidende Bauarbeiter eines der schwersten Verbrechen dieser Zeit, als sie das Grab von Pharao Sethos I plünderten.

Im Spiel muß der junge Ägypter Ramose seinen Vater retten, der ebenfalls beschuldigt wird, eben jenes Grab ausgeraubt und damit dem toten Pharao das Weiterleben im Schattenreich verbaut zu haben.Bis zur Hinrichtung bleiben Ramose gerade einmal drei Tage, um mit den versteckten Spuren und Hinweisen den wahren Täter zu ermitteln.Nur wenn er Erfolg hat, bleibt sein Vater am Leben.Als eine der wichtigsten Hilfen erweist sich dabei die mit Fotos und Illustrationen angereicherte Ägypten-Enzyklopädie, die zum einen einen detaillierten Einblick in das Leben dieser Zeit bietet und zum anderen entscheidende Hinweise zur Lösung des Rätsels beinhaltet.

Dies allein macht freilich noch kein gutes Adventure aus.Für den Spieler mindestens genauso wichtig ist die Vermittlung der richtigen Stimmung.Mit Hilfe von Ägyptologen des Louvre wurde eine möglichst detailgetreue Szenerie erschaffen, die durch die eingesetzten 3-D-Techniken noch lebendiger wirkt.So müssen die einzelnen Orte nun noch genauer unter die Lupe genommen werden, ob nicht in den labyrinthartigen Gängen der Pyramide - vielleicht unter der Decke? - der so dringend benötigte Hinweis zu finden ist.

Auch die 30 Charaktere des Spiels wurden nach den Vorbildern echter Schauspieler mit aufwendigen Verfahren digitalisiert, selbst die Lippenbewegungen wurden synchronisiert, was bei Computerspielen längst noch nicht Standard ist.Alles zusammengenommen gibt es wohl derzeit keine bessere Möglichkeit, das Tal der Könige des alten Ägyptens wieder zum Leben zu erwecken.

Nicht minder spannend als das Adventure um den Pharaonenkult ist das Game "Qin" (gesprochen: Dsching) aus dem Hause Navigo.Zeit der Handlung ist das Jahr 2020.Ein Megakonzern erforscht auf der Suche nach mystischen Machtpotentialen die gewaltige Grabkammer des ersten chinesischen Kaisers Qin Shihuangdi, so daß der Forscher der Zukunft sich plötzlich in einer längst untergegangenen Welt befindet.

Bis der Archäologe jedoch zum Innersten der Kammer, dem Sarkophag aus Jade, vorstößt, müssen - wie üblich - diverse Rätsel entschlüsselt werden.Das nötige Verständnis für die chinesische Kultur und Denkweise zur Zeit Qins (159-109 v.Chr.) kann sich der Spieler durch das ständig verfügbare Lexikon aneignen.Die altchinesischen Schriftzeichen werden durch einen Online-Dolmetscher übersetzt.Allein mit dem Studium der mit zahlreichen Illustrationen versehenen Enzyklopädie kann sich der Spieler gut und gerne mehrere Stunden aufhalten, denn die dort enthaltenen Texte gehen weit über eine Spielhilfe hinaus und geben sehr ausführlich und durchaus anregend Auskunft über die Zeit vor, während und nach der Qin-Dynastie.

Wichtig bei derart viel Theorie ist natürlich auch bei "Qin", daß die Praxis - also der Spielspaß - stimmt.Genau wie beim Pharao sorgt bei Qin eine exzellente Grafik für das richtige optische Vergnügen.Die Bilder können getrost "fotorealistisch" genannt werden.Die Lösung der Rätsel ist ebenfalls nicht ohne, ein wenig Ausdauer wird vom Spieler schon erwartet, von Navigo selbst werden als Spieldauer zehn Stunden angegeben.

Weniger hintergründig, dafür von der Stimmung noch eindringlicher, ist "Byzantine - Tod in Instanbul" von Egmont interactive.Ein Lexikon mit historischem Wissen wird hier nicht geboten.Dafür aber ein Spiel aus ingesamt sechs CD-ROMs, prall gefüllt mit den Palästen, Moscheen, Gassen und Basaren der Orient-Metropole.In diesem Krimi aus Mord und Intrigen soll der Spieler in der Rolle eines Journalisten einen Freund bei der Aufdeckung eines internationalen Schmugglerringes helfen.Der Freund wird jedoch alsbald entführt, der Paß eingezogen und man selbst als Mörder von der Polizei gesucht.Es beginnt eine rasante Flucht vor den Behörden auf der einen und einem Killer des Schmugglerringes auf der anderen Seite - und alles vor der phantastischen Kulisse Istanbuls, die mit großem Aufwand in das Format des Computerspiels übertragen wurde.Von über hundert Orten wurden Panoramadarstellungen programmiert und 40 Schauspieler verliehen den PC-Charakteren ein realistisches Aussehen.Herausgekommen ist dabei ein spannendes Adventure, das selbst die erfahrenen Spiele-Tester der "PC Games" erst nach 30 Stunden lösen konnten.Videosequenzen von einer Gesamtlänge von 45 Minuten sorgen mit eindrucksvollen Actioneinlagen dafür, daß die Zeit nicht zu lang wird.So macht Spielen Spaß.

Das Grab des Pharao, Ravensburger interactive, 85 DM; Qin, Navigo, 89,90 DM; Byzantine, Egmont interactive, 99,90 DM.Alle drei Spiele benötigen mindestens ein Multimedia-Pentium-System (133 MHz sind die unterste Grenze) sowie als Betriebssystem Windows 95 oder 98.

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