Zeitung Heute : PC-Monitore: Fitness: Kim, die Trainerin aus dem Netz, hat immer Zeit

Matilda Jordanova-Duda

Kim wird nicht müde, mich an die guten Vorsätze zu erinnern. Das tut sie mehrmals täglich, wenn ich in einen Text vertieft bin oder gerade im Internet herumsurfe. Ihr lächelndes Gesicht schiebt sich davor und ermahnt mich, eine Bewegungspause einzulegen. Manchmal klicke ich sie ungeduldig weg: "Später!" Aber sie lässt nicht locker.

Kim ist schwarzhaarig, blauäugig, schlank - so perfekt, wie nur ein Cybergirl es sein kann. Sie ist persönliche Trainerin für Büromenschen, die sie vor Rückenleiden, Kopfschmerzen und Krampfadern bewahren soll. Man überweist der Firma fitatwork 25 Euro, bekommt eine Lizenz und lädt sie von der Website herunter - für alle Zeiten. Die Demoversion ist kostenlos. Das Installieren bereitet selbst Laien keine Schwierigkeiten. Voraussetzung ist ein Rechner mit Windows, etwa 4 MB freien Festplattenspeicher und eine Grafikkarte mit 16 bit Farbmodus. Nicht viel, bedenkt man, dass Kim 3D-Bewegungen in Echtzeit vorführt.

Mit blauer Turnhose und bauchfreiem Top bekleidet, ein Palmenstrand im Hintergrund, macht sie vor: Arm hochheben, Kopf drehen, der zweite Arm... wiederholen. Die Schulter kreisen lassen, dehnen, strecken... ooh, das tut gut! Kim hat 42 von Ärzten und Physiotherapeuten empfohlene Übungen drauf und setzt daraus immer wieder ein neues fünfminütiges Training zusammen. Gerne auch mit Musik. Die Gymnastik ist auch für Großraumbüros tauglich - keine Liegestützen im Businessdress! Eigentlich sollte es Kim auf Rezept geben.

Alen Jevsenak hätte bestimmt nichts dagegen. Der Gründer von fitatwork ist ein 33jähriger Kybernetik-Ingenieur mit Sendungsbewusstsein. Am liebsten würde er sein Cybergirl an allen PC-Arbeitsplätzen der Welt turnen sehen. Entwickelt hat er seine virtuelle Trainerin aufgrund eigener, leidvoller Erfahrungen. "Ich war gerade mit meinem Studium fertig und fühlte mich gesundheitlich so, als ob ich schon in die Rente gehen müsste", sagt der Stuttgarter. Das lange Sitzen vor dem Bildschirm bescherte ihm Atemnot und Kopfschmerzen. Und dann schaute sich der junge Mann um und sah überall krumme Rücken und hängende Schultern.

Als er im Jahre 2000 den ersten Prototyp ins Netz stellte, gab es schnell Hunderte von Interessenten. Inzwischen hat er nach eigenen Angaben über 6000 Einzellizenzen in der ganzen Welt verkauft, sowie einige Firmen und Organisationen in Deutschland, den USA und der Türkei ausgestattet. Allerdings müssen in den Unternehmen viele der Gymnastiktrainerin ihren Segen geben: Geschäftsführung, Betriebsrat, Betriebsarzt, EDV-Abteilung. Das ist in einem Eine-Frau-Büro wie meinem schon viel einfacher.

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