Zeitung Heute : PC-Preise in den USA kennen keinen Halten mehr

JOACHIM ZEPELIN

Anschaffungskosten für einen Computer rutschen unter die 1000-Dollar-Marke / Neueste Ankündigungen: Rechner für 500 DolllarVON JOACHIM ZEPELINIn Deutschland muß noch, wie kürzlich in einigen Aldi- und Lidl-Märkten, die Polizei zur Hilfe kommen, wenn Computer zu Tiefstpreisen angeboten werden.Am Massen-Ansturm auf die wenigen Exemplare hatten sich sogar Händler beteiligt, die bei Aldi billiger als beim Hersteller einkaufen konnten.In den Vereinigten Staaten muß sich hingegen kein Kunde um Computer prügeln, denn die Preise sind jenseits des Atlantiks auf breiter Front abgestürzt.Erst waren es auch dort nur vereinzelte Sonderangebote, doch jetzt scheint es kein Halten mehr zu geben.Erdrutschartig sackten die Anschaffungskosten für einen komfortablen Rechner in den vergangenen Monaten unter die magische 1000-Dollar-Marke.Jetzt peilen die ersten Hersteller sogar 800 Dollar an, auch 500 werden genannt.Billiganbieter wagten sich zuerst in das dreistellige Marktsegment.Dann kürzte Compaq, der Spitzenreiter bei den Heimcomputern, die Preise für seine Presario-Serie und durchbrach die 1000-Dollar-Linie nach unten.Schließlich zogen auch die großen Markennamen wie IBM oder Hewlett-Packard nach.Jetzt leistet es sich kaum noch ein Hersteller, keinen Billig-Personalcomputer anzubieten.Aber es gibt auch Aussteiger aus dem Rennen.Toshiba etwa wurde der Preiskampf zu heiß.Ende November erklärten die Japaner die erst im September eingeführte Infinia-Serie zum Auslaufmodell und verabschiedeten sich damit gänzlich aus dem Heim-Desktop-Markt.Auf der Billig-Welle könne man nicht mitschwimmen, begründet Mike Stinson, Direktor des Produkt-Marketings, den Ausstieg.Ursprünglich war der Infinia für die Preisklasse um 2000 Dollar geplant, jetzt ist er nur noch für die Hälfte loszuschlagen.Wer im Wettbewerb bleiben will, muß immer mehr für immer weniger bieten.IBM verkauft seit Monatsbeginn seinen Aptiva E 16 für 999 Dollar.Der Rechner ist mit einem 166 Megahertz schnellen Multimedia-Prozessor (MMX) vom Intel-Konkurrenten AMD, einem 16 Megabytes großen Arbeitsspeicher, einer 2,6 Gigabytes Festplatte, einem superschnellen Modem und zwei Lautsprechern ausgestattet.Ein echtes Schnäppchen, könnte man meinen, wären da nicht bereits andere Anbieter, die noch etwas drauflegen.Packard Bell, das Tochterunternehmen von NEC, will noch in diesem Monat den Markt mit neuen Rechnern aufrollen, heißt es inoffiziell.Das Modell 606 mit einem 233 Megahertz Pentium-MMX-Prozessor von Intel soll zwar zunächst noch 1099 Dollar kosten, im Januar aber für 999 Dollar zu haben sein.32 Megabytes Arbeitsspeicher, eine 4,3 Gigabytes Festplatte und ein CD-ROM Laufwerk mit 20facher Geschwindigkeit gehören zur Ausstattung, die noch vor Wochen fast das Doppelte kostete.Damit nicht genug.Die Unternehmen peilen bereits den nächsten Schritt in den Preiskeller an.Das Packard Bell Modell 515 mit einem 200 Megahertz Prozessor kommt in Kürze für 899 Dollar in die Läden und soll im Januar noch einmal um 100 Dollar billiger werden.Hewlett-Packard will mit einen vergleichbaren Computer zum selben Preis nachziehen.Compaq kündigt unterdessen für Januar einen 1000-Dollar-Rechner mit einem 233 Megahertz-AMD-Prozessor an, der im Frühjahr durch einen 266 Megahertz-Prozessor ersetzt werden soll. Wichtigster Grund für den Einbruch ist, daß Speicherplatz, Festplatten und vor allem Chips in den vergangenen Monaten immer billiger wurden.Ende Oktober kürzte Intel die Preise für Mikroprozessoren um bis zu 40 Prozent.Ein 233 Megahertz Pentium II-Prozessor kostet gerade noch 400 Dollar, das 166 Megahertz schnelle Modell kaum mehr als 100 Dollar.MMX-Prozessoren sind in den vergangenen zwölf Monaten sogar um 60 Prozent billiger geworden.Kürzlich kündigte Intel nun sogar Pentium II-Prozessoren für die Billig-Computer an.Analysten sehen darin eine fundamentale Wende in der Produktpolitik des Marktführers, der sich bislang kaum für das untere Preis-Segment interessiert hat, das die kleinen Konkurrenten AMD und Cyrix beherrschen.Der erstaunliche Erfolg der Rechner unter 1000 Dollar zwingt Intel zur Reaktion.Richard Dracott, Marketing-Chef für den Pentium II: "Dieser Markt wächst viel schneller als wir erwartet haben." Inzwischen schätzen Branchenkenner den Marktanteil der Billig-Computer auf rund ein Drittel.Doch eine Hoffnung der Branche scheint sich nicht zu erfüllen: Neue Kunden sind mit Niedrig-Preisen kaum noch zu gewinnen.Rund 40 Prozent aller amerikanischen Haushalte besitzt einen Computer, und diese Zahl läßt sich offensichtlich nur noch schwer steigern.Vor allem eine kürzlich veröffentlichte Studie des Marktforschers Odyssey L.P.aus San Francisco sorgt für die Katerstimmung.Gerade mal 1,5 Millionen zusätzliche Personal-Computer seien durch den Preisrutsch zu verkaufen, ergab die landesweite Umfrage.Die Haushaltsabdeckung würde damit um kaum mehr als ein Prozent steigen.Aber die entgangenen Gewinne, so Odyssey-Chef Nick Donatiello, sind erheblich: "Ich weiß nicht, wie die Hersteller die wieder wettmachen wollen."Die Studie überraschte noch mit einer zweiten Zahl: Von den befragten Weihnachtseinkäufern waren 69 Prozent eher an leistungsfähigen Computern als an günstigen Preisen interessiert.Doch nun, so Donatiello, bekommen die Kunden beides: "Der durchschnittliche Käufer erwartet beim Betreten des Ladens, daß er 1999 Dollar für seinen Wunsch-Computer bezahlen muß.Beim Herausgehen hat er dann weniger als 1000 Dollar ausgegeben."

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