Zeitung Heute : PC-Programme legen Verschlüsselung lahm

KURT SAGATZ

Der Empfang von Pay-TV-Programmen ist bekanntlich nicht gerade billig.Knapp 50 DM beträgt die monatliche Programmgebühr nebst Dekodermiete beim größten deutschen Pay-TV-Channel Premiere, der derzeit 1,65 Millionen Abonnenten zählt.Kein Wunder also, daß einige Zeitgenossen nichts unversucht lassen, die exklusiven Sportberichte und atemberaubenden Actionfilme "kostenlos" auf den Bildschirm zu holen.Diese Piraten sind besser bekannt als Hacker und der Bildschirm, auf dem die Premiere-Sendungen laufen, ist der Monitor eines mit einer Fernsehkarte für rund 300 DM ausgerüsteten Computers.

Ganz neu ist das Thema nicht.Ein paar Sat-Receiver-Freaks hatten die erfolgreiche Dekodierung von Pay-TV per Computer bereits vor einigen Monaten via Eutelsat demonstriert.Programmierer mit Hackerqualitäten hatten herausgefunden, daß die Dekodierung des "zerwürfelten" Bildes, das durch anscheinend willkürlich auftretende horizontale Linien verzerrt wird, auch ohne Kenntnis des eigentlichen Schlüssels zu dechiffrieren ist.Die Dekoder-Programme mit Namen wie "NagraDec" oder "Syster" ermitteln vielmehr den Schlüssel aus dem gesendeten Signal, setzen das Bild richtig zusammen und bringen das Pay-TV-Programm in der einfachsten Form als Schwarz-Weiß-Bild auf den Monitor.Farbaufnahmen laufen allerdings nur auf sehr schnellen Geräten.

Erneut auf die Tagesordnung wurde das Thema nun durch einen Bericht der "Computer Bild" gesetzt, mit einer Auflage von 900 000 Exemplaren Deutschlands größte Computerzeitung.Neben der Verfügbarkeit der Programme über Internet gibt vor allem die einfache Installation und Bedienung der Programme dem Thema eine neue Brisanz.

Bei Premiere gibt man sich gleichwohl gelassen.Daß es solche Programme gibt, sei bekannt.Allerdings sei bislang kein Schaden angerichtet worden, da nur eine sehr kleine Zahl von Hackern sie einsetzten."Es ist der bekannte Wettlauf von Hase und Igel zwischen den Hackern und unseren Technikern im Hause", meint dazu Arnold Kulbatzki, Pressesprecher von Premiere.Immerhin sind "NagraDec" und "Syster" im Internet ohne größere Hindernisse zu erhalten.Selbst die Installation ist keine allzu große Hürde; bereits nach kurzer Zeit zeigt sich dem überraschten Nutzer, daß der Verschlüsselungsschutz alles andere als perfekt ist.Dies ist auch Premiere bewußt.Es sei jedoch kein Problem, die Verschlüsselung zu verbessern, wenn sich die Programme allzuschnell verbreiteten.

Als großes Problem wird die Entschlüsselung von Pay-TV auch vom digialen Programmanbieter DF1 nicht gewertet.Pressesprecher Nikolaus von der Decken schätzt die Gruppe der Hacker auf "unter ein Promille", schließlich würde hochwertige Technik benötigt.

Direkt betroffen ist DF 1 übrigens nicht, denn mit den herkömmlichen TV-Computerkarten können die digitalen Programme nicht empfangen werden.Decken sieht auch auf Seiten der Zuschauer keinen großen Druck, sich illegaler Techniken zu bedienen, um Pay-TV zu empfangen."Wer die D-Box mietet, abonniert damit zugleich das DF1-Paket.Warum sollte man sich nun noch irgendwelche Piratenkarten besorgen?" fragt der DF1-Mann.Mit der zunehmenden Digitalisierung und Verschmelzung von Fernsehen und Computer wird jedoch diese Rückzugslinie brüchig.

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