Zeitung Heute : PCs in der Juniorausgabe erobern Kinderzimmer

SIMONE LEINKAUF

Eine Horrorvorstellung für jeden, der viel am PC sitzt und die Ergebnisse seiner Arbeit dort speichert: Der Computer stürzt ab, stundenlange und mühsame Tipperei ist verschwunden, wenn noch keine Sicherungsdatei erstellt oder Zwischenergebnisse auf einer Diskette gesichert wurden.Gründe für den Absturz gibt es viele: eine falsche Taste gedrückt, die Festplatte überlastet, ein Virus hat sich eingeschlichen.Für diejenigen, die Kinder im schulfähigen Alter haben, gibt es noch einen weiteren Grund: Der Nachwuchs hat sich an Mutters oder Vaters Arbeitsgerät zu schaffen gemacht, um ein neues Computerspiel zu installieren oder auch nur, um ein schon längst bekanntes aufzurufen und sich damit ein wenig die Zeit zu vertreiben.Geplagte Eltern hoffen auf Abhilfe, indem sie einen kleinen Computer für die Jugend anschaffen.

Was da allerdings auf dem Markt geboten wird, bedarf eines sehr genauen Blickes, will man nicht das Geld sinnlos zum Fenster hinauswerfen: Lerncomputer sind von verschiedenen Anbietern je nach Ausstattung zwischen 80 und 350 Mark zu haben.Dazu kommen, will man das Gerät auch kreativ nutzen, je nach Grundausführung dann noch Drucker, Netzteil, PC-Kabel, Maus, Kopfhörer oder auch ein Zusatzkabel, um das Gerät mit einem zweiten Lerncomputer zu verbinden - da gehen schnell noch einmal dreihundert Mark oder mehr über den Ladentisch.Also kein billiger Spaß.

Für die Spielwaren- und auf Lerncomputer spezialisierte Computerindustrie sind die PCs in der Kinderausgabe inzwischen eine wahre Goldgrube: Zwischen 400 und 500 Millionen Mark werden in Deutschland jedes Jahr für Lerncomputer ausgegeben.Bislang teilen sich wenige Anbieter diesen Kuchen, von dem der Vtech-Konzern, Hongkongs größte Elektronikfirma, mit etwa 75 Prozent das größte Stück bekommt.Ernsthafte Konkurrenz gab es hierzulande bislang nicht - der nächste Anbieter Stadlbauer hat einen Marktanteil von nur etwa 6 Prozent zu verzeichnen.Das könnte sich in nächster Zeit allerdings ändern: Seit Oktober letzten Jahres ist der Spielehersteller Ravensburger mit sieben Lerncomputern für Kinder im Alter zwischen fünf und zehn Jahren auf dem Markt.

Und die Chance in diesem Segment Fuß zu fassen, stehen nicht schlecht: Einer Umfrage des Fachverbandes für Informationstechnik zufolge besitzen schon 20 Prozent der Sechs- bis Siebenjährigen einen eigenen PC, weitere 30 Prozent wünschen sich einen: Und das, was die Schulanfänger vor dem Bildschirm so treiben, ist genau das, was die Gegner einer Technisierung des Kinderzimmers offensichtlich zurecht befürchten: Rund 70 Prozent der Computer-Kids klicken sich durch Action- und Strategiespiele - von Lernspielen und Textverarbeitungsprogrammen wollen die wenigsten etwas wissen.Mit entsprechenden Lerncomputern kann man versuchen, diesem Trend ein Stück weit entgegenzuwirken, muß aber dabei bedenken, daß der Lerncomputer den klassischen PC eben gerade nicht ersetzen kann.Der Lerncomputer kostet nur ein Bruchteil eines Pcs und bietet dafür aber auch wesentlich weniger - oder mehr, das kommt ganz auf die Sichtweise an.Kinder schätzen am eigenen Gerät vor allem die Tatsache, daß der Lerncomputer im Kinderzimmer steht, leicht zu bedienen ist und in der Regel nicht abstürzen kann.Die Vorteile für die Eltern beschränken sich darauf, daß das Kind den eigenen Computer eine zeitlang in Ruhe läßt, oder aber - wenn kein PC im Haushalt vorhanden ist - einige Dinge üben kann, die zu den elementaren Fertigkeiten im Computerzeitalter gehören: auf einer Tastatur tippen, Pfeiltasten einsetzen, eine Maus bedienen, sich durch ein Menü klicken.

Darin erschöpfen sich aber die positiven Seiten des Lerncomputers schon.Es gibt jeweils nur ein viel zu kleines Disply, das zudem in vielen Fällen noch einen unzureichenden Kontrast aufweist.Das gemeinsame Arbeiten mit dem Gerät ist praktisch unmöglich.Nur die beiden großen Geräte von Ravensburger ((Champion PC Notebook XXL) und Vtech (Genius Leader 7007 SL) bieten ein akzeptables Display und ein paar Anwendungen, die zumindest in geringem Maße auch eigene Ideen verwirklichen lassen: Es können kleine Texte erstellt, das Taschengeld verwaltet, Kalender, Zeitplaner und Telephonverzeichnis aufgerufen werden.

Dennoch, als Alternative zum PC bieten die Lerncomputer nur einen faulen Kompromiß an, zumal die Geräte für die kleinsten Kunden in jeder Hinsicht billig gemacht sind.Ist eine PC-Ausstattung im Hause, so empfiehlt es sich eher für den Nachwuchs einen günstigen Multimedia-PC anzuschaffen, der mit dem vorhandenen Drucker kompatibel ist.Denn computerbegeisterten Nachwuchs wird man mit einem Lerncomputer kaum dauerhaft befriedigen können.

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