Zeitung Heute : Pechvogel im Überrock

Mozart konnte 1789 am königlichen Hof in Potsdam nicht punkten und kehrte mit kleinen Aufträgen nach Wien zurück

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Von Helmut Caspar Im Revolutionsjahr 1789 war’s, da machte sich Wolfgang Amadeus Mozart in Begleitung des Fürsten Lichnowski auf den beschwerlichen Weg von Wien über Prag, Dresden, Leipzig nach Berlin und Potsdam. Der Komponist hatte davon gehört, dass es im fernen Preußen einen König gibt, der die Musik und die Musen liebt und eine offene Hand hat. Es wäre doch wunderbar, eine schöne Belohnung für eine Komposition in Form eines beträchtlichen Batzens Geldes zu bekommen oder gar eine Anstellung in der Hofkapelle, mag sich der von notorischen Geldsorgen gepeinigte Künstler gedacht haben. Wie sollte er sich täuschen!

In Berlin angekommen, erfuhr er, dass im Theater am Gendarmenmarkt, einem Vorläufer von Schinkels Schauspielhaus, gerade „Die Entführung aus dem Serail“ gegeben wurde. Mozart ging hin, allerdings incognito. Der Dichter Tieck erkannte ihn dennoch, und beschrieb ihn als „klein, rasch, beweglich und blöden Auges, eine unansehnliche Figur im grauen Überrock“. Dieses Männlein – alles andere als das Ebenbild des göttlichen Musenführers Apoll, der auf der Giebelspitze der Staatsoper Unter den Linden balanciert – war mit der Aufführung seines Singspiels wenig zufrieden. An einer Stelle hielt es ihn buchstäblich nicht mehr im Sessel. „Verflucht! Wollt’s Ihr D greifen“ rief er ins Orchester. Einige Spieler erkannten den Komponisten, und am nächsten Tag wurde er eingeladen, sein Singspiel höchstselbst zu dirigieren.

Das bedeutete zwar eine große Ehre, doch mit seinem eigentlichen Anliegen, dem König aufzuspielen, hatte der Gast aus Wien weniger Glück. Denn Friedrich Wilhelm II., der Neffe und seit knapp drei Jahren Nachfolger des Flöte spielenden Friedrichs des Großen, weilte in Potsdam. So ging die Reise also weiter. Mozart mietete sich in Potsdam am Bassinplatz 10 im Haus des Maurermeisters Blankenhorn ein. Eine Gedenktafel erinnert noch heute daran, dass der Gast aus Wien hier „im Frühjahr 1789“ gewohnt habe. Nähere Umstände sind leider nicht bekannt. Briefe, die Mozart aus Potsdam an seine Frau Konstanze geschrieben hat, sind keine erhalten. Aus zeitgenössischen Berichten ist lediglich zu errechnen, dass er knapp zwei Wochen, vom 25. April bis 6. Mai 1789, in Potsdam weilte.

Dem wegen seiner Leibesfülle von den spottsüchtigen Berlinern auch „dicker Wilhelm“ genannten Monarchen wurde die Ankunft eines Menschen „nahmens Morzart, Capell-Meister aus Wien“ gemeldet. Dieser wünsche, „seine Talente zu Ew. Königlichen Majestät Füßen zu legen und daß er Befehl erwarte, ob er hoffen dürffe, daß Ew. Königliche Majestät ihn vorkommen lassen werde“.

Der König, der außer Musik noch eine andere Leidenschaft hatte, und sich ansonsten ums Regieren wenig kümmerte, war ein begeisterter Cellospieler und beschäftigte eine prächtige Hofkapelle. Statt die Chance zu nutzen, den Compositeur näher kennen zu lernen und sich von seinen künstlerischen Qualitäten zu überzeugen, befahl Friedrich Wilhelm II. seinem Cellolehrer Jean Pierre Duport, sich um diesen zu kümmern. Dies entpuppte sich rasch als verhängnisvolle Entscheidung, denn Duport mochte Mozart nicht, dessen Musik er von ausgedehnten Reisen kannte. Schnell gerieten die beiden aneinander.

Über Einzelheiten gibt es hier mehr Spekulationen als gesicherte Nachrichten. So soll der königliche Cellolehrer von dem Gast aus Wien verlangt haben, mit ihm französisch zu sprechen. Wenn diese Anekdote stimmt, dann war Duport bei Mozart an der falschen Adresse. Denn erstens sprach dieser fließend französich – und zweitens dachte er gar nicht daran, dem Cellisten diesen Gefallen zu tun. „So ein welsche Fratz, der jahrelang in deutschen Landen deutsches Brod fräße, müsste auch deutsch reden oder radebrechen“, schrieb Mozart später.

Natürlich ging es um weitaus mehr als um höfische Konversation. Der 15 Jahre ältere, von seiner Mitwelt als „größter Violoncellist unserer Zeit“ gelobte Duport mag befürchtet haben, dass er sich mit Mozart eine Laus in den Pelz setzen und vielleicht sogar seine eigene Stellung am preußischen Musikhimmel gefährden würde, sollte dieser erst einmal die Gunst des Königs erwerben. Aus diesem Grund kam eine persönliche Begegnung zwischen dem König und Mozart nicht zustande. Obwohl er vor der Königin spielen durfte und Aufträge von Friedrich Wilhelm II. für sechs Streichquartette und von Prinzessin Friederike für sechs leichte Klaviersonaten mitnahm, erwies sich sein preußischer Abstecher als Schlag ins Wasser. Nach Wien zurückgekehrt, gestand Mozart einem Freund „Gott! Ich bin in einer Lage, die ich meinem ärgsten Feinde nicht wünsche; und wenn Sie bester Freund und Bruder mich verlassen, so bin ich unglücklicher und unschuldigerweise sammt meiner armen kranken Frau und Kind verloren“.

Obwohl Mozart in Potsdam zweifellos unter seinem Wert behandelt wurde, ist er dort bis heute hörbar präsent. Auf Wunsch der Kronprinzessin und nachmaligen Königin Luise spielte das Glockenspiel der Garnisonkirche regelmäßig den Choral „Üb immer Treu und Redlichkeit“ mit der leicht abgewandelten Mozart-Melodie zur Arie „Ein Mädchen oder Weibchen“ aus der „Zauberflöte“. Ein Nachbau des 1945 verloren gegangenen Glockenspiels erinnert stets zur halben Stunde an den berühmten Pechvogel aus Wien.

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