Zeitung Heute : Per Mausklick zu Fonds und Stipendien

Nur wenige Litauer haben Netz-Anschluss, obwohl jeder gern surft. Die Botschaft in Berlin hat schon mal die Webseite erneuert

Annette Kögel[Vilnius]

Von Annette Kögel, Vilnius

So konzentriert erlebt man junge Mädchen selten. Die drei am Computer bringt nichts aus der Ruhe. Erledigen sie Hausaufgaben? Oder Recherchen für ein Referat? Der Blick fällt über die Schulter: Auf dem öffentlichen Bildschirm im Museum of Contemporary Art in Vilnius baut sich eine Seite nach der anderen auf. Kontaktanzeigen. Sehen sympathisch aus, die Jungs aus Litauen.

Litauen? Wenn es nach der gefühlten Distanz geht, ist der baltische Staat zehntausende Kilometer entfernt. Doch der Flug mit der „Lithuanian Airlines“ ab Tegel dauert nicht viel länger als ein Trip nach München oder London. Dutzende Jugendliche aus Deutschland, Frankreich und Litauen hatte das Deutsch-Französische Jugendwerk zuletzt in die Landeshauptstadt eingeladen. Gestern gedachte die Jugendorganisation ihrer Gründung vor 40 Jahren. Doch längst geht es nicht mehr wie nach dem Zweiten Weltkrieg um Versöhnung zwischen den Staaten. „Wir veranstalten angesichts der EU-Erweiterung zunehmend trilaterale Begegnungen mit Osteuropa“, sagt die Generalsekretärin des Jugendwerk Babette Nieder. Mit Politikstudenten, Basketballern, Künstlern. Und Computerfreaks wie Benjamin Kunde, 23, von „Käpt’n Browsers MMC“, einem berufsvorbereitenden IT-Projekt in der Wilhelmstraße 52 in Mitte.

Benjamin dreht die Knöpfe der Musikanlage im „Respublikiniai Moksleiviu Techninés Kurybos Rumai“, dem Jugendtechnik-Forum in einem der Plattenbau-Vororte von Vilnius. Instrumente kann man hier ausleihen und CDs aufnehmen. Das Mischpult von Käpt’n Browsers und der „Computer-Jobwerkstatt Mädchen“ ist umlagert wie einer dieser Straßenstände mit Bernstein und selbst gestrickten Socken in der Altstadt. Der 23-jährige Benjamin aus Prenzlauer Berg hat vor der Reise litauische Buttons im Netz angeklickt. Und doch ist jetzt alles anders als gedacht. „Dass die Litauer bei uns so viele Volkslieder singen und aufnehmen wollten, das habe ich nicht erwartet.“

Auch Raminta Dereskeviciute hat keine Berührungsängste mit der Geschichte. „Wir müssen unsere Wurzeln kennen, um in das Neue wachsen zu können“, sagt die 20-jährige Jura-Studentin in perfektem Englisch mit amerikanischem Akzent. Raminta war als Austauschschülerin in den USA – das hat einiges gekostet. Ihre Mutter verdient als Lehrerin umgerechnet 200 Euro im Monat. Raminta: „Da müssen wir uns andere Geldquellen erschließen.“ Vielen Jugendlichen hilft das Internet dabei. „Stiftungen, Fonds, Stipendien, all das sucht man halt übers Netz“, erzählt Ramintas Studienkollegin Rasa Incerauskaiti. Doch die wenigsten Studenten haben einen Laptop. „Gerade mal zehn Prozent aller Haushalte in Litauen besitzen einen Internet-Anschluss“, sagt Vytautas Leskevitius von der litauischen Botschaft in Berlin. Diese Woche stellten die Litauer ihre runderneuerten Seiten ins Netz.

Dort kann man indes nichts darüber lesen, dass man die Menschen in ihren Wohnungen noch oft Eisblumen vom Fenster kratzen sieht. Oder darüber, dass die Blumenhändler Kerzen in ihre Plastikvitrinen auf der Straße stellen, damit das Grün nicht erfriert. „Litauen, das schon zu den fortschrittlichsten Ländern Europas zählt, benutzt Internet für eigene Zwecke weniger als zum hundertsten Teil der Möglichkeit“, wird auf der litauischen Landes-Homepage beklagt. Und: „Die Fachleute von höchster Qualifikation finden per Internet für die Arbeit und das Leben passende Orte, die oft von Litauen einige tausend Kilometer entfernt sind. Das ist für den Staat ein großer Verlust.“

Auch die Jugendlichen aus Vilnius und Umgebung knüpfen während des Jugendaustausches Kontakte. Wäre doch schön: einmal nach Paris oder Berlin. Die Gruppe um Siegfried Schreiber von der Jugendtechnikschule im FEZ Wuhleheide hat etliche E-Mail-Adressen in Vilnius hinterlassen. Die jungen Wissenschaftler stellen in Kürze die Wetterdaten ins Netz, die der selbst gebaute Roboter auf dem eisigen Pflaster in Vilnius sammelte.

Wenn sie mit ihren neuen Bekannten chatten wollen, gehen die litauischen Computer-Kids in eines der Internet-Cafés. Ins „Netcafé“ an der Antakalnio gatve zum Beispiel, oder ins „Fantazija“. „Bei uns in Vilnius gibt es zum Glück schon jede Menge solcher Cafés“, sagt Roland Stork vom Redaktionsbüro Vilnius der „Baltischen Rundschau“. Elektronische Postkarten abrufen? In Chatrooms einloggen? Dort alles kein Problem.

Rund zwei Litas, umgerechnet 75 Cent, kostet eine Stunde Internet-Surfen. Das können sich die meisten Jugendlichen leisten. In schickeren Läden wie jenem in der Piliesstraße, in dem vor allem Touristen Reisemails nach Hause schicken, wird mehr verlangt. „Wer es sich leisten kann, bekommt im Elektromarkt inzwischen sämtliches Computer-Zubehör“, sagt Roland Stork.

Schließlich guckt jeder gern mal seinem Bürgermeister auf die Finger. Arturas Zuokas ist der erste Regierende der Welt, den man den ganzen Tag über per Netzkamera an seinem Schreibtisch beobachten kann, davon ist zumindest der Tourismusverband des Landes überzeugt. Obwohl. Die Mädels im Museum würden sich bestimmt bald lieber wieder auf ihre Single-Seiten zurückklicken.

Weitere Infos zu Litauen im Internet:

http://de.urm.lt

www.vilnius.lt , www.lithuania.lt

www.jugendtechnikschule.de

www.kontexis.de

www.dfjw.org

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