Zeitung Heute : Per Mausklick zum Lieben Gott

KATHARINA VOSS,RAOUL FISCHER

Es begann in Bayern: Als 1994 eine Pfarrerin des Freistaates in den Erziehungsurlaub ging, mochte sie die Gemeinde nicht ganz ohne ihren seelischen Beistand lassen.Sie stellte auf "Betreuung per Internet" um und begann damit den Gang der evangelischen Kirche in das Reich der Bits und Bytes.

Was vor vier Jahren noch für bundesweite Schlagzeilen sorgte, ist mittlerweile gang und gäbe: jede der evangelischen Landeskirchen hat mittlerweile ihre eigene Homepage.Der Pfarrer, der seine E-Mail-Adresse angibt, ruft auch nicht mehr Staunen hervor, als die Ankündigung von Techno- oder Rockmessen.In Berlin können Gläubige und Ungläubige sich seit dem 1.Advent 1996 der Kirche nähern.Ein aktueller Terminkalender findet sich unter www.ekibb.com genauso wie ein täglicher Kommentar zur Bibellektüre."Gott baut nicht nur auf unsere Stärken, sondern auch auf unsere Schwächen", heißt es da zum Beispiel, und wer noch tiefer einsteigen möchte, findet Hinweise zu anderen Seiten in Hülle und Fülle.

Reinhard Stawinsky ist Pressesprecher der Landeskirche Berlin-Brandenburg und redaktionell verantwortlich für ihre interaktive Präsentation.So richtig zufrieden ist er noch nicht mit dem Internet-Auftritt der Landeskirche.Mehr "Feed-Back-Geschichten" würde er gerne auf die Seite bringen oder auch mal ein direktes Gespräch mit dem Landesbischof anbieten.Das scheiterte bisher aber an den personellen Möglichkeiten der kirchlichen Pressestelle und dem Termindruck des Bischofs.

Negative Erfahrungen mit dem neuen Medium hat Stawinsky noch nicht gemacht: "Da ist eigentlich noch nie etwas so richtig danebengegangen", sagt er.Ängste, daß der Gang ins Internet den persönlichen Kontakt ersetzen könnte, hält er für abwegig."Daß die Kirche im Internet sich verselbständigen könnte, ist Unsinn," erklärt er: "Es wird keine virtuelle Kirche geben".Die kirchliche Telefonseelsorge ist für ihn nur ein Beispiel dafür, daß kirchliche Begegnungen noch nie alleine aus persönlichen Kontakten bestanden."Immerhin", erzählt er, "gab es schon in den fünfziger Jahren eine Briefseelsorge".Kein Zweifel: Wenn man den Bogen weit genug spannt, kann man eigentlich auch die Apostelbriefe im Neuen Testament als Vorläufer der kirchlichen Internet-Kommunikation betrachten.

Auch die katholische Kirche "goes internet"."Ein kleines, feines und aktuelles Angebot", so preist Andreas Herzig, Pressesprecher des Erzbistums Berlin, die Website der katholischen Kirche an.In der Tat: Wer sich unter www.kath.de einklickt, der findet aktuelle Angebote, Informationen und Termine der verschiedensten Gruppierungen.

Das war nicht immer so.Noch vor einem Jahr konnten User, die sich im Internet zum Erzbistums verirrt hatten, ihr "blaues Wunder" erleben.Vorwiegend in blau und im "Caritas-Stil" der 70er-Jahre informierte das kirchliche Internet-Angebot über Termine, die längst vergangen waren.Gerade Jugendliche hätten das immer wieder kritisiert, so Herzig, aber die personellen Möglichkeiten seien damals beschränkt gewesen.Heute macht die technische Umsetzung ein zusätzlicher Mitarbeiter.Das Konzept ist einfach: Wer sich präsentieren möchte, muß seine Seite anliefern; in der erzbischöflichen Pressestelle wird sie dann ins Netz gestellt.So sieht die Website der Erzdiözese inzwischen ganz anders aus und ist wirklich aktuell.Man kann sich über Gottesdienstangebote oder über den kürzlich stattgefundenen Deutschen Katholikentag informieren.Wer sich mehr spielerisch der Kirche nähern möchte, kann am Computer-Game: "Wie werde ich Papst?" beteiligen.

Trotzdem: Im Unterschied zu anderen Diözesen ist in Berlin Herzig der einzige, der sich mit der inhaltlichen Gestaltung der Site befaßt.Und insgesamt sei das eher ein Abfallprodukt seiner Tätigkeit, so Herzig.Der Aufwand sei zu groß.Über die traditionellen Medien könne man mehr Leute erreichen.Ein großer Teil der User bleibe diffus: die Leute surften ein bißchen und entschwänden dann wieder in die Anonymität.Wie intensiv sie sich dann mit dem Angebot auseinandersetzen, wüßte keiner.

Anders sieht es bei den E-Mails aus: Kirchliche Mitarbeiter, Journalisten und Universitäten nehmen das Angebot als Arbeitserleichterung wahr, Privatleute holen sich Informationen zu kirchenrechtlichen Fragen, wie zum Beispiel der Patenschaft oder dem Eherecht, oder es kommen regelrechte Suchmeldungen.Inzwischen kommen auch E-Mails aus Bonn: Angestellte der Ministerien, die nach Berlin umziehen müssen, erkundigen sich nach Schulen, Kirchengemeinden und "katholischem Bauland".Die Zahl der Anfragen ist dabei erheblich gestiegen.Waren es noch vor kurzer Zeit bis zu zwei Anfragen pro Tag , so sind es heute bis zu zehn, die unter erzbistumberlin@t-online.de Kontakt aufnehmen.Aber auch für die innerkirchliche Kommunikation sind Mails eine besondere Erleichterung.So komme mittlerweile das Programm von Radio Vatikan über diesen Weg.

Herzig selber ist gewissermaßen durch den Papst zum Internet gekommen.Als er im November 1995 als Pressesprecher der Erzdiözese anfing, hatte man zu dem anstehenden Papstbesuch eine Internetseite eingerichtet, die dann später für die katholische Kirche in Berlin übernommen wurde.Vernetzt mit anderen kirchlichen Pressestellen, übernimmt er aufgrund der angespannten personellen Situation auch die Ergebnisse von Kollegen.Zum Beispiel hat die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) eine Plattform eingerichtet, die man unter www.katholische-kirche.de ansteuern kann.Da gibt es die psychologische Beratungsstelle "Offene Tür Berlin", oder regelmäßige "(Internet-)Predigten".Für die Zukunft könnte Herzig sich durchaus vorstellen, ähnlich der Telefonseelsorge eine Internet-Seelsorge einzurichten.Eigentlich möchte er aber seine Web-Site überschaubar halten, da jeder Ausbau das Problem der Aktualität vergrößert.Er bleibt eben lieber "klein, fein und aktuell".

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