Zeitung Heute : Per Zufallprinzip

SILKE BENDER

Sabine Schirdewahn und Linda Schwarz in der Guardini-StiftungSILKE BENDERDer Titel der Doppelausstellung ist irreführend: "Sakrale Fotografien und minimalistische Drucke von Sabine Schirdewahn und Linda Schwarz".Auf den Fotos von Sabine Schirdewahn sind Kirchenbänke und -stühle, versteckte, vergessene Ecken in Gotteshäusern und Arrangements in Kunstgewerbemuseen zu entdecken.Wenn man mit Pierre Bourdieu der These zustimmt, daß sich Museen heute zunehmend als quasi-religiöse Tempel inszenieren, läßt sich leicht der Bogen schlagen zu den Sakralräumen.Aber die Orte, die die Künstlerin für ihre Motive wählt, bedeuten noch keine sakrale Fotografie.Einen religiösen Anspruch haben ihre hochästhetisch behandelten Bilder nicht.Vielmehr geht es ihr um das Aura der Dinge und Räume, die - von den Menschen verlassen und vergessen - eine eigene Sprache sprechen.Die Abzüge behandelt die Künstlerin mit verschiedenen Chemikalien und Tönungen, wodurch jedes Bild zu einem nicht reproduzierbaren Original wird.Mal braun, mal violett legt sich ein farblicher Schleier über die Motive.Er läßt die Dinge teils transparent durchschimmern, verdeckt sie teils auch ganz.Die Bilder wirken dadurch wie vergilbte Schwarzweiß-Fotos, die mit der Zeit fast bis zur Unkenntlichkeit verwittert sind.Doch die nostalgische Grundstimmung wird stets gebrochen, die Bilder ins Hier und Jetzt zurückgeholt.Der sorgsam arrangierte Eßtisch aus dem 19.Jahrhundert bleibt deutlich als museales Ausstellungsstück erkennbar: das Absperrungsband ist im Vordergrund, das Geschirr mit einer Glashaube geschützt.Linda Schwarz interessiert sich in ihren Druckgrafiken und Mischtechniken auf Leinwand mehr für die Zeichenstruktur von Sprache und Musik.Als Mitarbeiterin von Robert Rauschenberg und Jasper Johns entwickelte sie sich in den USA zu einer Spezialistin im Umgang mit ganz unterschiedlichen Drucktechniken, alte und hochmoderne, die sie auf reizvolle und höchst komplexe, also gar nicht minimalistische Weise in ihren Bildern kombiniert.Fragmente aus einem Georg-Trakl-Gedicht, das sie eingemeißelt in einer Gedenkplatte auf einem Salzburger Friedhof fand und mittels Bleistiftfrottage kopierte, schichtet sie in verschiedenen Arbeitsschritten per moderner Kopiertechnik übereinander.Teils bleiben die Wörter und Sätze lesbar, teils lösen sie sich auf in reine Struktur, die sich der bloßen Wortbedeutung entzieht.Die Minimalmusik und deren Partituren, als Bild begriffen, standen Pate für ihre Random-Serie.Auf den kachelgroßen, quadratischen Leinwänden finden sich plastische Buchstaben- und Zahlenfolgen, die sie per Zufallsprinzip in Reih und Glied fügte.Dabei versinken die Buchstabenkörper mal mehr, mal weniger in einer transparenten Acrylbeschichtung, bieten sich dem Betrachter als Struktur oder als kodierte Schrift an. Guardini Stiftung e.V., Tempelhofer Ufer 22, bis 5.Januar; Montag bis Donnerstag 10-16 Uhr, Freitag 10-15 Uhr.

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