Zeitung Heute : Perfekte Reduktion

Modefotograf Alexander Gnädinger mit seiner ersten Einzelschau in Berlin

Grit Thönnissen

Den Fotografen Alexander Gnädinger in seinem Berliner Atelier zu treffen, ist Glückssache. Wichtig war Berlin vor allem am Anfang seiner Karriere – als hier Ende der 90er Jahre Modemagazine wie „Qvest“ und „Berliner“ gegründet wurden und Gnädinger mit seinen präzise ausgearbeiteten Mode- und Beautyfotografien half, eine eigene Bildsprache zu formulieren. Inzwischen reist Alexander Gnädinger um die ganze Welt und fotografiert mal in São Paulo monumentale Betonbauten brasilianischer Stararchitekten, mal in München, Mailand und Madrid Fußballstars wie Ballack, Beckham und Zidane in Adidas-Trikots.

Der Mode- und der Architektur-Fotografie gehört Gnädingers ganze Leidenschaft. Und dass man etwas kann, merkt man ja oft erst, wenn man etwas macht, was nicht den eigenen Neigungen entspricht. So stellte er während seines Fotografiestudiums am Berliner Lette-Verein Mitte der 90er Jahre fest, dass er nicht zum passiven, nur die Realität abbildenden Fotoreporter taugt. Für seine Reportagen bekam er zwar als Student gute Noten – nur stimmten diese Bilder eben nicht mit denen in seinem Kopf überein.

Der stille Beobachter, der eine Situation so nimmt, wie sie ist, und sie dokumentiert – das war er eben nicht. Er wollte eingreifen, die Szenerie verändern. Deshalb ist aus Gnädinger wohl auch so ein begehrter Modefotograf geworden. „Ich will, dass man das sieht, was man sehen möchte“, sagt er. Trotzdem hat seine Arbeit mit plumper Manipulation nichts zu tun.

Auch Ausschmückung ist seine Sache nicht: Mit Reduktion erzählt Gnädinger die besten Geschichten. Nur mit wenigen Farben zu arbeiten, sich auf den Schnitt eines Kleides zu konzentrieren, das ist für Alexander Gnädingers Bildsprache genug: „Wenn ich vor einem Modeshooting die Kleider auf der Stange hängen sehe und eine Farbe vermisse – dann ist es perfekt.“

Zwischen seinen Architekturfotografien und den Modebildern kann man verblüffende Parallelen entdecken: Sowohl das Detail eines weiblichen Körpers als auch die Sitzreihen des EM-Fußballstadions in Lissabon, beides wirkt sehr skulptural, sehr auf die Form konzentriert.

Auf den ersten Blick scheint die Fotoserie „Last Dance“ eine Ausnahme zu sein: Sie könnte man nun wirklich für eine Reportage halten – obwohl die Bilder von umgekippten Barhockern, verdreckten Böden und zerrissenen Strumpfhosen dafür fast zu schön sind. Es sind die Überreste der letzten Party im legendären Berliner Club „Cookies“. Wie ausgedacht, sorgsam arrangiert wirken die Flecken auf den Polsterbänken, die zertrümmerten Wodka-Flaschen, der malerische Dreck in der Toilette.

Aber sie waren es nicht: Schließlich war Alexander Gnädinger, der am nächsten Morgen zum letzten Mal den Club fotografieren sollte, mitten unter den Feiernden. Er hatte also Gelegenheit genug, bei der Inszenierung zu helfen.

Als ihn am Morgen danach Clubbetreiber Heinz Gindullis anrief, um ihm zu sagen, dass die Putzkolonne da sei, quälten Gnädinger noch die Nachwirkungen des nur wenige Stunden zuvor genossenen Alkohols. Also fuhr er mit einem gewaltigen Kater zurück und fotografierte die Trümmer.

Auch wenn er auf diese Weise zur Legendenbildung des Berliner Nachtlebens beitrug – um nichts auf der Welt möchte der in Singen am Bodensee geborene Gnädinger, der seit der Reichstags-Verhüllung 1993 in Berlin lebt, dass man von seinen Fotografien auf seinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt schließen kann. Das Unfertige, Unpräzise, Ungenaue, das oft mit dem Berliner Stil gleichgesetzt wird, gefällt ihm nicht: „Ich versuche so perfekt wie möglich zu sein.“ In Berlin ist das nicht immer einfach, aber es hat sich – eben auch durch Magazine wie „Qvest“ – eine Plattform entwickelt, von der aus es sich mit Leuten aus aller Welt arbeiten lässt.

Alexander Gnädingers Fotografien sind noch bis zum 25. Februar in der Galerie Viaux in der Mulackstraße 12 in Mitte zu sehen. Mehr unter: www.viaux.com

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