Zeitung Heute : Peripherie aus Fleisch und Blut

BERND GUGGENBERGER

VON BERND GUGGENBERGERWas jenseits der Diskussion um technische Möglichkeiten und praktische Anwendungen der neuen Technologien vor allem auffällt, ist der geradezu irrationale Erwartungshorizont, in welchem die Debatten um die neumedialen Zukünfte sich bewegen.Da ist von der "zweiten Woche der Schöpfung" die Rede und davon, daß nun, im Computerzeitalter, der Menschheit endlich die ersehnten "FIügel" wüchsen."Schon jetzt löst das Computernetz große Gefühle aus", überschrieb das SZ-Magazin seine Internet-Apotheose: "Wir werden im Internet bald so zu Hause sein, daß wir es Heimat nennen."Bleiben wir indes verblüffungsfest, so erhebt sich unabweisbar die Frage, was solche Art imaginärer Heimat wert ist, wenn ich einmal friere oder keine Butter im Hause habe.Wiegt da nicht ein wirklicher hundert virtuelle Netz-Nachbarn mehrfach auf?Im O-Ton Vilem Flusser, des vor kurzem verstorbenen Netzwelt-Enthusiasten, klingt die neue Frohbotschaft so: "In Netzstrukturen bildet jeder beteiligte Partner das Zentrum des Dialogs." So weit, so schön.Doch was ist noch attraktiv am "Zentrum-Spielen", wenn jeder ein Zentrum ist? Was ist noch attraktiv am Senden, wenn alles sendet und keiner mehr hinhört? Der exzessive Überfluß an virtuellen Zentren der genannten Art könnte ganz rasch die Peripherie aus Fleisch und Blut wieder ins Recht setzen! Gerade so, wie ja auch seinerzeit die zynische Handlungsanweisung Andy Warhols zur Demokratisierung des Starkults: "Jeder ein Star für 15 Minuten!" aller Zeitgeistrhetorik einer frühen Political Correctness zum Trotz, nichts weniger außer Kraft gesetzt hat als gerade den Starkult.Der Autor ist Privatdozent am Fachbereich Politik der Freien Universität Berlin.

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