Zeitung Heute : Perlen abseits der Touristenströme sind teuer - aber nur wenn man kauft, wo alle anderen kaufen

Christof Hardebusch

Wuchtig donnern die Wasser des Preit ins Valle Maira. Der Fluss fällt aus 2500 Metern Höhe auf vier Kilometern Länge über tausend Meter tief. Mit der ungebremsten Kraft dieses Gefälles hat er tiefe Schluchten in den Stein der Piemontesischen Alpen gegraben, und mit ihm viele andere Gebirgsflüsse. Das Wasser formte die Piemontesischen Alpen zu einer schroffen Felslandschaft mit steilen Klippen und Hängen. Dem Auge bietet diese Landschaft wild romantische Ansichten. Den hier lebenden Bergbauern bietet sie wenig. Nicht umsonst bedeutet Valle Maira zu Deutsch "Tal der Armen". Karg ist die Frucht der Berghänge, das Klima ist rau. Im Winter verlassen die Menschen ihre Dörfer und ziehen über schmale Serpentinen in die freundlichen Niederungen Piemonts.

Diese Niederungen, immer noch gebirgig, sind mit üppigem Grün, einem milderen Klima und der Aussicht auf die majestätischen Berge gesegnet. Käufer von Ferienimmobilien finden in Piemont gut erhaltene Häuser inmitten einer ruhigen und dabei vor allem in kulinarischen Belangen hoch kultivierten Region. Trotzdem finden nur wenige Ausländer den Weg ins nordwestliche Italien. Die Piemonteser bleiben in ihren mittelalterlichen Städten und Dörfern weitgehend unter sich. Die Herde der Italien-Liebhaber lässt sie links liegen.

Häuser guter Qualität sind in der Region Piemont ab 150 000 Mark zu haben. Makler am Lago Maggiore, am Comer See oder am Gardasee lachen über solche Preise. An den Ufern dieser Gewässer wechselt selten ein Haus unter 500 000 Mark den Besitzer. Drei oder vier Kilometer von den Ufern des Lago entfernt, müssen Hauskäufer immer noch mindestens 350 000 Mark hinblättern.

Schön ist es hier, sicherlich. Aber nicht schöner als in Piemont. Nur etwas näher zu Deutschland gelegen, dafür teurer und wegen der großen Zahl an Touristen auch wesentlich unruhiger. Das Beispiel kennzeichnet den italienischen Markt für Ferienimmobillien. Das Gros der Käufer nimmt wenig bekannte Landschaften wie Piemont gar nicht wahr. Zu stark ist die Anziehungskraft der bekannten Namen. Lago Maggiore, Comer See, die Riviera und vor allem die Toskana ziehen deutsche Hauskäufer in hellen Scharen an.

Die Toskana ist ebenso berühmt für ihr trockenes und warmes Klima wie für ihre sanft gewellte, von kulturellen Denkmälern übersäte Landschaft. Seit 20 Jahren lassen sich hier wohlhabende Deutsche nieder. Eine Reihe prominenter Politiker trinken ihren Wein gern in der toskanischen Abendsonne auf eigenem Grund und Boden. Damit haben sie die Region entgültig zu Synonym für den kultivierten Zweitwohnsitz in Italien gemacht.

Die Prominenz der Toskana und die ungebrochene Nachfrage nach Ferienhäusern treiben die Immobilienpreise stetig nach oben. "Selbst baufällige Häuser kosten in der Toskana noch 500 000 Mark", sagt Alexander Rainoff vom Verband Deutscher Makler: "Ein modern ausgebautes Rustico mit 200 Quadratmetern Wohnfläche ist kaum unter 1,5 Millionen Mark zu haben."

Ein Rustico ist ein Landhaus. Seit dem sechzehnten Jahrhundert bauen die Italiener diesen an den Außenmauern aus Naturstein und dem fast quadratischen Grundriss leicht erkennbaren Haustyp. Bei Ausländern ist er sehr beliebt. Deshalb taugen Rustico gut als Maßeinheit für Ferienimmobilien. Auch der auf italienische Häuser spezialisierte Makler Frank Fritz rechnet in Rustico: "Ein Landhaus im nördlichen Ligurien kostet 250 000 Mark, das selbe Rustico im klassischen Chianti dagegen 450 000 Mark."

Der Verzicht auf die klangvolle Adresse Chianti spart ein Vermögen. Fritz hat ein Beispiel parat. Die von ihm vermittelte "weiße Villa" liegt nicht mehr im Chianti, aber immer noch in der Toskana, in der Nähe von "Caprese Michelangelo", dem Geburtsort des Renaissance-Künstlers. Erbaut wurde die Villa um die Jahrhundertwende. Alte Kastanien spenden dem Besucher Schatten auf seinem Weg zum Eingangsportal. Tritt er über die Schwelle des Hauses, steht er im Wohn- und Eßzimmer der Villa. Ein großer, offener Kamin beherrscht den Raum. Schreitet der Besucher dann über den Terrakottaboden voran, gelangt er in ein Schlafzimmer mit angrenzendem großen Bad. Über die steinerne Freitreppe führt der Weg ins Obergeschoss des Hauses, zu einem zweiten Kaminzimmer, noch einem Bad und diversen Schlafzimmern. Der Erwerber diese Villa kann sich auf 350 Quadratmetern Wohnfläche ausbreiten.

Und muss, 1100 Quadratmeter Grundstück inklusive, 400 000 Mark auf den Tisch legen. Hinzu kommen die Kosten für notwendige Reparaturen. Fritz schätzt den Sanierungsaufwand auf weitere 50 000 Mark. Dies eingerechnet kostet ein Quadratmeter Wohnfläche der "weißen Villa" 1300 Mark. Im Chianti und anderen stark nachgefragten Toskanalagen müsste der Käufer für ein vergleichbares Objekt zwischen 2500 und 6000 Mark pro Quadratmeter hinblättern. Noch günstiger kommt der Käufer zu einem Haus, der die Toskana ganz hinter sich lässt und in die Marche fährt. Sie reicht von der italienischen Ostküste bis in die Bergkämme des Apennin. Dessen höchster Gipfel steigt auf 1700 Meter an. Wegen dieser Höhen ist das Klima der Marche rauer und weniger ausgeglichen als das der Toskana.

Deutsche Hauskäufer entdecken diese Region erst jetzt und auch nur, weil die Toskana für viele endgültig unerschwinglich geworden ist. Noch sind die Immobilienpreise in der Marche günstig. Ein Beispiel: Das italienische Maklerunternehmen Viva bietet bei Pergola ein 280 Quadratmeter großes Wohnhaus mit 2500 Quadratmeter großem Grundstück für 130 000 Mark an. Den Renovierungsbedarf schätzen die Makler auf weitere 120 000 Mark. Auch das eingerechnet bleibt der Quadratmeterpreis unter 1000 Mark.

Solche Schnäppchen wird es nicht mehr lange geben. Jahr für Jahr legen Immobilien in der Marche um zehn bis 20 Prozent an Wert zu. Auf vielen ländlichen Grundstücken darf nicht mehr gebaut werden. Das begrenzt die Zahl der dem Markt zur Verfügung stehenden Häuser. Wegen der gesetzlichen Baubeschränkungen macht es auch Sinn, in der Marche eine Ruine zu kaufen. Wo die Grundmauern noch stehen, kann der Käufer ein neues Haus bauen. Es darf allerdings nicht größer ausfallen als das Haus, das einst an dieser Stelle stand.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben