• Peru: Kurzer Atem, kleine Schritte - eine Trekkingtour nach Chavin de Huántar über den 4700 Meter hohen Yanashallash-Pass

Zeitung Heute : Peru: Kurzer Atem, kleine Schritte - eine Trekkingtour nach Chavin de Huántar über den 4700 Meter hohen Yanashallash-Pass

Marion Schmidt

Durch die Morgendämmerung dringen erst leise, dann lauter und kraftvoller die Klänge einer Panflöte. Der Wind, der sanft über die Weiten der Cordillera Blanca streift, trägt die muntere Melodie zu uns herüber, lässt sie in die Ohren gleiten und signalisiert dem Kopf auf angenehme Weise: "Aufstehen!" In der Nacht hat es leicht gefroren, unter den Füßen knackt das Gras. Aber die Sonne blinzelt schon zaghaft hinter den Anden hervor und lässt den Schnee auf den Gipfeln glitzern wie einen diamantenen Überguss. Der Blick über die majestätisch aufragende Bergkette im sanften Morgenlicht versöhnt mit den Blasen an den Füßen.

Am vorangegangenen Morgen waren wir aufgebrochen vom Bergdorf Canrey Chico nahe Olleros auf 3200 Meter Höhe. Unser Ziel: eine der ältesten archäologischen Stätten Amerikas - Chavin de Huántar. Der Weg dorthin ist eine Reise in die Vergangenheit, zurück zu den Wurzeln einer peruanischen Frühkultur. Die 37 Kilometer lange Strecke über den 4700 Meter hohen Yanashallash-Pass ist eine alte Pilger- und Handelsroute, auf der jahrhundertelang Gläubige und Karawanen von Lamas, bepackt mit Kartoffeln, Getreide und Kokablättern, entlang zogen. Bis Anfang der vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts war diese Strecke die einzige direkte Verbindung zwischen der westlichen und der östlichen Seite der Cordillera Blanca, die höchste Bergkette der peruanischen Anden. 1941 wurde der Cahuish-Tunnel gebaut, Lastwagen lösten Lamas als Transportmittel ab und die alte, beschwerlichere Route über den Pass geriet in Vergessenheit.

Und mit ihm auch die Lamas. Bis sich einige Kleinbauern, Campesinos, aus der Region im vergangenen Jahr zu einer Kooperative zusammenschlossen und eine neue Form von Tourismus wagten. Ihre Philosophie: Reisen im Einklang mit Natur und Kultur.

Mit dem Projekt "Lama 2000" wollen sie auf dem Weg von Olleros nach Chavin die traditionelle Kultur der Anden wieder aufleben lassen, ihre Bräuche, ihre Essgewohnheiten, ihre Musik und eben ihr Packtier, das Lama. Das Lama ist so etwas wie das Wahrzeichen Perus. Die Indios haben mit ihm schon vor mehr als 5000 Jahren in den Anden ihre Waren transportiert. In den vergangenen Jahren gab es jedoch immer weniger von den zotteligen Tieren. Dabei ist das Lama als Packtier in den Anden nahezu unschlagbar: Lamas können bis zu 30 Kilogramm tragen, sie sind schmal, sehr beweglich, dabei trittsicher und sie fressen alles, was am Wegesrand wächst.

Aber Lamas können auch ziemlich widerspenstig sein. Heute sind sie es. Ein Lamanero muss die zotteligen Tiere mit den Armen einfangen, festhalten und mit dem Kopf gegen den Boden drücken, während ein anderer mit einem Seil eine Wolldecke um den Bauch bindet. Darüber werden dann die Plastiksäcke mit den Rucksäcken und Zelten geworfen und festgeschnürt. Sehr zum Missfallen der Kamelschafe, sie drehen und wenden sich und spucken den Lamaneros auf den Kopf. Das fängt ja gut an!

Wie eine Karawane aus peruanischer Frühzeit ziehen wir durchs offene Gelände. Anfänglich geht es nur langsam bergan, über flaches, gelbgrünes Gras, das sich an den Hängen ringsherum erstreckt, vorbei an Eukalyptussträuchern und Strohhütten. Der Blick wandert über weitläufige Ebenen bis hinauf auf die schneebedeckten Bergketten. Der Himmel scheint hier, auf etwa 4000 Meter Höhe, so unglaublich nah. Je weiter es hinauf geht, desto schwerer fallen die Schritte, die Luft wird immer dünner, das Atmen bereitet zunehmend Mühe, der Kopf schmerzt leicht. Ein Tag zur Gewöhnung an die Höhe reicht nicht aus. Besser sind drei Tage, am besten wohl das ganze Leben, wenn man sieht, wie leichtfüßig unsere Begleiter voran marschieren. Die meisten von ihnen tragen nicht einmal feste Bergschuhe, sondern nur Gummistiefel. Eine Frau, die mit einer Plastiktasche neben uns herläuft und den Müll einsammelt, hat nur Halbschuhe aus Gummi an.

Doch auch die Einheimischen vertrauen nicht auf ihre Beine allein. An einem Huanca, einem prähistorischen Hinkelstein, holen wir uns höheren Beistand für den Aufstieg. Für die Indios war dies ein heiliger Platz, manche glaubten gar, die übereinander geschichteten Steine auf einer Anhöhe könnten negative Energien aus dem All fernhalten. Von hier wollen wir jedenfalls die Götter um ein sicheres Überqueren des Passes bitten. Marta und Luis, ein Pilgerpärchen, das uns auf dem Weg begleitet, spielt auf. Luis bläst die Panflöte, während Marta dazu die Trommel schlägt. Die Lamaneros stecken Kokablätter zwischen die Steinritzen, murmeln unverständliche Formeln und kauen schließlich auf den Blättern herum. Die Blätter der Kokapflanze schmecken rauh und bitter, sie sollen aber helfen, der berüchtigten Höhenkrankheit Soroche vorzubeugen. Also kauen wir alle fleißig, ein Opfer muss sein.

Als wir am nächsten Tag den Yanashallash-Pass erreichen, erleben wir eine ähnliche Zeremonie am Altar der "Drei Fenster". In dem kleinen steinernen Tempel finden sich drei Opfernischen für die Geister des Himmels, der Erde und der Unterwelt. Damit verbunden ist der uralte Glaube, dass von diesen drei Wesen das eigene Schicksal bestimmt wird.

Unser Schicksal wird mehr vom Wetter bestimmt, denn am Horizont schieben sich dicke Regenwolken heran. Jeder hofft zwar, dass wir trocken ankommen mögen, aber noch bevor wir das zweite Nachtlager erreichen, regnet es heftig. Die Lamaneros schützen sich mit Plastikplanen, wir Europäer tragen Schirme. Zugegeben, in dieser Umgebung ein reichlich skurriler Anblick. Die Nacht wird wieder kalt und die Nässe liegt wie Blei auf den Knochen. Doch angespornt von Luis Panflötenspiel und einer heißen Tasse Mate-de-Kokatee brechen wir am nächsten Morgen auf zum letzten Abschnitt.

Der Weg führt durch ein Tal entlang dem Huachesca Fluss. An den Hängen liegen wie ein Flickenteppich Felder mit Gerste, Weizen und Mais. Dort, wo Wasser fließt, erwacht die Natur wieder zum Leben. Die Pflanzenwelt am Wegesrand ist üppig, das frische Grün beflügelt unsere Schritte hinab ins Tal von Chavin de Huántar. Drei Tage haben wir für unsere Trekking-Tour gebraucht - in drei Stunden wird uns der Bus zurück nach Olleros bringen. Und das ganz ohne Kokablätter.

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