Peter Scholl-Latour : Mein Treffen mit dem Vietcong

Die Amerikaner wiegten sich 1968 noch in der Gewissheit, den Krieg in Vietnam zu gewinnen. Die Situation war in keiner Weise mit der im heutigen Irak zu vergleichen: Die mit den Amerikanern verbündeten südvietnamesischen Streitkräfte zählten etwa eine Million Mann; die US-Army stand mit einer halben Million Soldaten im Land, und anders als im Irak konnten die GIs sich in den Städten wie Saigon, Da Nang oder Hue relativ ungefährdet bewegen. An Vergnügungen mangelte es nicht, zumal ein gewaltiger Bordellbetrieb entstanden war. Unter den Prostituierten gab es natürlich eine große Anzahl von Zuträgerinnen des Vietcong, der südvietnamesischen Befreiungsfront. Die Kampftätigkeit hatte sich zu diesem Zeitpunkt vor allem auf das Grenzgebiet mit Laos reduziert.

Aufgrund meiner Erfahrungen im französischen Indochinakrieg habe ich von Anfang an die Chancen der Amerikaner skeptisch beurteilt. Ein ganz wesentlicher Unterschied zu der heutigen Situation im Irak bestand darin, dass sich die US-Army im Wesentlichen aus Wehrpflichtigen zusammensetzte, während im Irak die Berufssoldaten meist den ärmeren Bevölkerungsschichten entstammen, ganz zu schweigen von den übel beleumundeten Söldnern von Blackwater und anderen privaten Organisationen. Die braven jungen Durchschnittsamerikaner, die zu Hause oft in einer puritanischen Umgebung aufgewachsen waren, wurden in Vietnam plötzlich in eine sündhafte Umgebung voller Sex und Drogen versetzt. Damit kamen sie psychisch nicht zurecht.

Wo immer US-Patrouillen im Mekong-Delta auftauchten, wurden sie durch die durchdringenden Okay-Okay-Rufe der Kinder begrüßt. Für das psychologische Unverständnis der Amerikaner war es typisch, dass sie als Freundlichkeit deuteten, was in Wirklichkeit ein Warnsignal an die Vietcong-Partisanen war, möglichst schnell in einem Versteck zu verschwinden.

In meinem Kamerateam beschäftigte ich damals einen französischen Toningenieur, der der kommunistischen Partei Frankreichs nahestand. Er hielt Kontakt zu einer jungen einheimischen Agentin, die uns eine Begegnung mit Repräsentanten des Vietcong vermittelte. Das Treffen fand im Januar 1968 in einem Luxuslokal für hohe südvietnamesische Offiziere am Rande von Bien Hoa statt, dem größten Stützpunkt der Amerikaner unweit von Saigon. Zur Identifizierung trug einer dieser Gesprächspartner einen Regenmantel über dem Arm. Wir sprachen über die Kriegslage und die amerikanische Siegesstimmung. Darauf wurde uns von dem ältesten der dreiköpfigen Delegation, vermutlich einem Gewerkschaftsfunktionär, geantwortet, die wahre Überraschung stehe noch bevor.

Wenig später begann ganz plötzlich die sogenannte Tet-Offensive des Vietcong. Mit dem Wort Tet ist das vietnamesische Neujahrsfest gemeint. Zur totalen Überraschung des US-Kommandos waren plötzlich die roten Partisanen überall präsent, eroberten schlagartig die meisten Ortschaften des Mekong-Deltas. In Saigon drangen sie sogar bis in die amerikanische Botschaft vor. Zum selben Zeitpunkt bemächtigte sich die reguläre nordvietnamesische Armee der alten Kaiserstadt Hue, und die US-Marines brauchten 40 Tage erbitterter Kämpfe und erlitten schwere Verluste, bevor sie die dortige Zitadelle zurückerobert hatten. Im Mekong-Delta schlug das US-Kommando mit der ganzen Wucht seiner technischen Mittel zu, und mit Hilfe eines vernichtenden Bombardements wurden die anfangs erfolgreichen Vietcong-Einheiten zerschlagen und ihre Führungskader liquidiert. Nur scheinbar war dieser militärische Sieg ein Erfolg der USA. Die psychologische Auswirkung auf die amerikanische Öffentlichkeit war jedoch verheerend. Es kam zu den großen pazifistischen Kundgebungen. Präsident Lyndon B. Johnson verzichtete auf die Kandidatur zur zweiten Amtsperiode. Bald sollten sogar die Waffenstillstandsverhandlungen Henry Kissingers in Paris aufgenommen werden.

Fast zur gleichen Zeit ereignete sich das Massaker von My Lai. Ein amerikanisches Platoon hatte in einem Hinterhalt Verluste erlitten, und wie oft in solchen Fällen waren die Reaktionen hysterisch. Ein ganzes Dorf wurde massakriert. My Lai war kein Einzelfall, wurde aber zum Symbol für diesen „schmutzigen Krieg“. Die moralische Entrüstung im Mutterland wurde durch die äußerst realistische Fernsehberichterstattung der amerikanischen Medien angeheizt. Im Gegensatz zum heutigen Irakkrieg, in dem eine freie Berichterstattung praktisch unmöglich ist und jede Meldung manipuliert wird, war die Informationspolitik im Vietnamkrieg außerordentlich freizügig. „Bring the boys home“, diese Forderung wurde bald unüberhörbar.

Rückblickend erscheint die Tet-Offensive 1968 trotz des militärischen Scheiterns des Vietcong als der für Amerika fatale Wendepunkt dieses Feldzugs. Von nun an zeigte sich, dass die USA diesem Zermürbungsprozess nicht standhalten würde.

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