Zeitung Heute : Peter Vorderer im Interview

Thomas Gehringer

Peter Vorderer ist Professor für Medienpsychologie am Institut für Journalistik in Hannover.

Mit ihm sprach Thorsten Severin.

Warum geben Menschen freiwillig ihr Privatleben einer gaffenden Öffentlichkeit preis?

Sie versprechen sich einen gewissen Ruhm. Dieser Wunsch spielt beim Big Brother wahrscheinlich eine noch viel stärkere Rolle, denn die Menschen werden ja durchaus prominent. Andere wiederum wollen vor allem das Geld einstecken.

Haben diese Menschen auch einen ausgeprägten Exhibitionismus?

Es handelt sich sicherlich um Personen, die gerne beobachtet werden und einen gewissen Kick daraus ziehen, sich in intimen Posen und privaten Situationen zu zeigen.

Dem entspricht auf der anderen Seite der Voyeurismus der Zuschauer?

Ohne ein in uns allen vorhandenen Interesse an der Beobachtung von privaten Dingen würde es die Sendung nicht geben. Das Prinzip der Produktionsfirma ist es, emotionale Erlebnisse bereitzustellen

indem man Personen präsentiert, die nicht völlig durchschnittlich sind. Von den Zuschauern können sie bewundert oder abgelehnt werden. Die Konsumenten beobachten, was diesen Personen widerfährt, wie sie sich verhalten, ob sie etwas in einer bestimmten Art und Weise sagen. In den vergangenen Jahren ist dieses vorhandene Interesse an privaten Details mit umfangreichen Inszenierungen auf die Spitze getrieben worden, wie etwa in der "Traumhochzeit".

Big Brother ist also keine Sendung für einige wenige "perverse Spanner"?

Ich würde nicht sagen, dass es sich bei den Zuschauern um ganz bestimmte Menschen handelt. Von dem Interesse, beim Nachbarn durchs Schlüsselloch zu gucken, ist niemand frei. Und das wird beim Big Brother letztlich versprochen. Der Zuschauer bekommt - wenn auch nur scheinbar - zu sehen, was wirklich passiert. Das Neue bei Big Brother ist der vermeintliche Blick auf tatsächliches Geschehen. Ich vermute, am Anfang werden viele Zuschauer einschalten. Später wird das Interesse davon abhängen, was die Redaktion aus dem Container-Leben für die abendliche Sendung auswählt.

Sehen sie Gefahren für die 100 Tage lang eingesperrten Menschen?

Ich finde es nicht unproblematisch, dass man so etwas mit den Leuten macht, auch wenn sie selbst dazu bereit sind. Wenn jemand erklärt, er wolle unter dem Mindestlohn arbeiten, darf er das nach unseren gesetzlichen Bestimmungen ja auch nicht. Ich glaube schon, dass die Big-Brother-Teilnehmer einer gewissen Gefahr ausgesetzt sind, die sie wahrscheinlich nicht realistisch einschätzen. Sie gehen da relativ salopp hin, vielleicht weil sie berühmt werden oder einen Gewinn mit nach Hause nehmen wollen. Möglicherweise sehen sie jedoch nicht, dass damit auch vielfältige Kränkungen, Verletzungen, Bloßstellungen und Blamagen einhergehen können.

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