Zeitung Heute : Pfeifenreinigerkunst

RONALD BERG

Installationen des Amerikaners Lucky DeBellevueEine Art Koralle, eine amorphe Masse, filigran verästelt, hängt von der Decke der ehemaligen Remise im Hof der Ackerstraße.In der Mitte zwiefach verdickt, am Boden sich verzweigend wie mit zwei Plattfüßen stellt sie sich vor, die "Chimera", so der Titel der Installationen des Amerikaners Lucky DeBellevue.Chimera meint im Englischen nicht nur ein mythisches Geschöpf, sondern auch die phantastische und wilde Idee.Und in der Tat: DeBellevue hat sich zur Verfertigung seines Werks des ungewöhnlichen Materials des Pfeifenreinigers bedient, jenes Drahtgebildes mit borstigem Überzug. Mit solcherlei Basteleien hat DeBellevue, wie man hört, zu Hause in New York Kultstatus erlangt - hauptsächlich unter den überwiegend homosexuellen Anhängern jener "Camp"-Kultur, die sich in der Aneignung von Kitsch und Trash gefallen, indem sie ihn in einen anderen Kontext, den des Ästhetischen, versetzen, man könnte auch sagen: den des Künstlichen.Da aber Minimalismus, arte povera und "Mardi Gras", das in New Orleans, DeBellevues Studienort, karnevaleske Sich-Ausstaffieren mit allerlei Flitter und Tand, als Ingredienzien zu ausgeprägt sind, halten DeBellevues Kompositionen zum Tuntigen einigermaßen Sicherheitsabstand.Wenngleich seine ebenfalls unter der Decke befestigten "Kronen" durchaus in das Spiel der Verkleidung und der Maskerade passen würden.Diese aus Alufolie gedrehten Gebilde, Kronen und Diademen ähnlich, wie sie Kinder im Spiel sich aufsetzen, sind im Prinzip in der gleichen Machart entstanden wie sie auch die Zeichnungen an der Wand vorführen: Kreise, Ringe oder auch Rechtecke lagern sich aneinander an und fangen an zu wuchern.Die in dürftigem Material (Durchschlagpapierdrucke oder Buntstift auf Schreibpapier) ausgeführten Kompositionen variieren alle dies eine Motiv: mal entstehen Cluster, mal verteilen sich die Kringel wie die Hexenkreise im Walde, dann wieder meint man mikroskopische Proben vor sich zu haben. DeBellevue unternimmt eine Mimesis eigener Art.Nicht die Nachahmung äußerer Ähnlichkeiten ist das Ziel, sondern die Anwendung natürlicher Wachstumsprinzipien, zellulare Verkettungen und Wucherungen, die sich mitunter dann auch wie Kronen ausnehmen.Es sei dabei daran erinnert, daß auch die Krone der Schöpfung, der Mensch, aus nichts anderem besteht als der schier unendlichen Agglomeration von Zellen.Insofern übt DeBellevue das gleiche Handwerk aus, für das die Natur nur ungemein viel mehr Zeit hatte.RONALD BERG Ackerstr.18, bis 3.August, Dienstag bis Sonntag 12-18 Uhr.

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