Zeitung Heute : Pflege für den Großstadtdschungel

LISA DIEDRICH

Eine Ausstellung und zwei neue Bücher zeigen, was Landschaftsarchitektur heute sein kannVON LISA DIEDRICHEs gibt sie wirklich: Landschaftsarchitekten.Und sie stellen aus - nicht in der Landschaft, sondern mitten in der Stadt.In der Galerie Aedes West zeigen zum ersten Mal zwei junge Vertreter der sonderbaren Zunft Landschaftsarchitektur ihre Arbeiten.Tobias Micke und Stefan Jäckel vom Büro "ST raum a" lieben frohe Farben und beweisen ihre Phantasie - nicht nur in ihren Zeichnungen.Noch keinem der illustren Architekten fiel es je ein, statt Pläne an die Wand auch einmal Objekte auf den Boden zu bringen, und zwar bis vor die Tür: Jäckel und Micke bauten Stege, einen aus Betonplatten und einen, mit knallgrünem Kunstrasen belegt, aus Metall.Findlinge liegen da, draußen naturbelassen, drinnen versilbert.Sie sind Kostproben im Maßstab 1 : 1, sie zeigen, daß diese Ausstellung nicht an der Schwelle der Galerie aufhört, sondern da eigentlich erst anfängt: vor der Tür, mitten in der Stadt. Mag sein, daß das Wort "Landschaftsarchitektur" in die Irre führt.Das Metier hat heute wohl weniger mit dem zu tun, was sich manch einer unter Landschaft vorstellt: Lennéparks oder herrschaftliche Gärten.Nichts dagegen.Aber es gibt schließlich heute in Europa wenige Auftraggeber für solche Arten von Landschaft.Das Metier ist ein zutiefst städtisches geworden.Denn die Stadt besteht nicht nur aus Häusern, sondern aus ziemlich viel Raum dazwischen: Plätzen, Straßen, Boulevards, Wohn-, Hinter- und Schulhöfen, Gärten, Stadtteilparks. Und nicht zuletzt aus Parkplätzen: Wie geschickt Autos und Asphalt mit Stauden und Rasenflächen zu einem ansehnlichen "Park-Platz" kombiniert werden können, beweisen Jäckel und Micke in ihrem Projekt für ein Wohn- und Geschäftshaus im Bezirk Prenzlauer Berg.Farbige Markierungen auf dem Asphalt greifen gar das Corporate Design der ansässigen Firma auf.Nicht gerade ein Thema, mit dem sich Altmeister Lenné beschäftigt hätte. Die Städte ändern sich, mit ihnen die Architektur - und ebenso die Landschaftsarchitektur.Keine Frage, daß durch die Zeilen-Siedlungen der Nachkriegsjahre ein anderer Wind weht als durch die wiederentdeckten innerstädtischen Blocks der späten Neunziger.Abstandsgrün mit Teppichklopfstange hieß das saubere Motto in den Fünfzigern, Biotop mit Froschteich das ökologisch korrekte in den Siebzigern.Diese erdigen Zeiten haben wir hinter uns gelassen, und ein Schritt vor die Tür reicht, um das vor Augen zu führen. Zum Beispiel in Berlin-Charlottenburg: An der Pestalozzistraße hat Gabriele Kiefer einen Wohnhof gestaltet, ohne Frösche, ohne Teppichstange, aber mit rauh geschalten Betonmauern, hölzernen Podesten, metallenen Rutschen und Zierkirschen.Abbruchmaterial sollte vor Ort verarbeitet werden, lautete die Aufgabe.Kiefer packte es in Drahtkitterkörbe und machte daraus Trockenmauern.Sie vergleicht Landschaftsarchitektur gerne mit Kochen: "Die Qualität hängt nicht von der Kostbarkeit der Bestandteile allein ab.Für mich ist klar: Eintöpfe mag ich nicht.Das Veredeln durch Gewürze spielt eine wichtige Rolle, und natürlich die Klarheit - sozusagen Trennkost." Wie man hinfindet zu den gut gewürzten Gärten? Ein soeben erschienener Band "Freiräume Berlin" weist den Weg zu 40 Beispielen.Alle sind nach 1987 entstanden und so unterschiedlich wie ein Vorplatz für das Neue Berliner Abgeordetenhaus und ein Stadtplatz in Hellersdorf nur sein können: repräsentativ, geschichtsträchtig, elegant oder mitten in der" Platte".Strenge Achsen zeigen französischen Einfluß, wilde Formen verraten niederländische Anleihen, filigrane Bänke und Leuchten bringen einen Hauch von Barcelona nach Berlin.Landschaftsarchitektur ist eine europäische Angelegenheit, Ideen wandern über die Grenzen. Ebenso wie die Landschaftsarchitekten selber.So stammt der Entwurf für den Wohn- und Gewerbehof Kochstraße aus dem renommierten Barceloneser Büro Martorell-Bohigas-Mackay.Das Amsterdamer Büro B+B realisierte einen Wohnhof im Quartier Treue-Herzenpfuhl in Hohenschönhausen, und der Pariser Christophe Girot baute den Invalidenpark im Bezirk Mitte. Es gibt sie also wirklich, die Landschaftsarchitekten.Wer im November nicht mehr vor die Tür und dennoch mehr über sie wissen will, besorgt sich eben das Buch "Vor der Tür.Aktuelle Landschaftsarchitektur aus Berlin".Es ist aus einer Vortragsreihe an der TU Berlin entstanden, Motto: "Landschaftsarchitektur offensiv".Neun junge Berliner Büros werden vorgestellt: Wenn schon Buch, dann auch Theorie - in diesem liest man zum Beispiel über "die guten Gründe der deutschen Landschaftsarchitektur für die Abwendung von der Wissenschaft und die schlechten Gründe für ihre intellektuelle Abstinenz - mit Folgen für die Ausbildung in diesem Fach".Ab vor die Tür! "ST raum a" in der Galerie Aedes West, bis 7.12., Katalog 20 DM; Literatur: Nicole Uhrig "Freiräume Berlin" ( 29,80 DM), Bernard / Sattler "Vor der Tür.Aktuelle Landschaftsarchitektur aus Berlin" (39,80 DM), beide Callwey-Verlag, München 1997.

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