Zeitung Heute : Pfleger: Lage in Kliniken ist dramatisch

Umfrage des Berufsverbands – Personal überfordert, Patienten vernachlässigt, Bedingungen katastrophal

Rainer Woratschka

Berlin - Die Situation für Pflegekräfte und Patienten in Krankenhäusern hat sich nach Angaben des Deutschen Berufs verbands für Pflegeberufe drastisch verschärft. In einer anonymen Online-Umfrage unter bundesweit knapp 2000 Pflegekräften, die dem Tagesspiegel vorliegt, bewerten 82,5 Prozent die Personalausstattung in ihrer Abteilung als nicht angemessen. Und: Fast die Hälfte der Befragten würde dort eigene Angehörige oder Bekannte nicht versorgt haben wollen.

Der Berufsverband, der die Umfrage initiiert hat, spricht von „katastrophalen Ergebnissen“ und der Bestätigung von „zum Teil haarsträubenden Arbeitsbedingungen“. Die Lage sei „sehr viel dramatischer als in der Bevölkerung bekannt“, sagt Verbandsreferentin Johanna Knüppel. Die Arbeitsbelastung der Pflegekräfte sei fast doppelt so hoch wie in anderen Ländern. Die Organisationsabläufe seien derart schlecht, dass es „auch für Patienten gefährlich werden kann“. Nach Ansicht von 69,2 Prozent der Befragten hat sich die Pflegequalität im vergangenen Jahr weiter verringert. Nur 4,1 Prozent sehen eine Verbesserung. Fast die Hälfte der Umfrageteilnehmer macht eigenen Angaben zufolge so gut wie nie die ihnen gesetzlich zustehende Pause. Zwei von drei Pflegekräften gaben an, mindestens einmal pro Woche mit widersprüchlichen Arbeitsanweisungen konfrontiert zu werden. Mehr als jeder dritte muss regelmäßig Aufgaben erledigen, für die er nicht qualifiziert ist.

Im Schnitt betreut jede Pflegekraft pro Schicht zwölf Patienten – eine nach Verbandsangaben im internationalen Vergleich sehr hohe Zahl. Schließlich habe sich der Betreuungsaufwand pro Patient deutlich erhöht – durch die kürzere Verweildauer ebenso wie durch die Tatsache, dass die Betreuten immer älter werden. Nach einer Schätzung des Sozialwissenschaftlers Michael Simon von der Fachhochschule Hannover fehlen in den 2100 deutschen Kliniken 70 000 Pflegekräfte. Die angekündigte Teilfinanzierung von 14 000 neuen Stellen durch den Bund sei bei weitem nicht ausreichend. Zudem erwägen laut Umfrage 43,5 Prozent der Pflegekräfte, ihren Arbeitsplatz zu wechseln. 31,2 Prozent möchten ganz aus dem Beruf aussteigen. Diese Zahlen ließen nicht nur auf frustrierenden Arbeitsalltag schließen, sagt Knüppel. Sie seien „auch volkswirtschaftlich eine Katastrophe“. Schließlich koste die Aus- und Fort bildung jeder examinierten Pflegekraft 140 000 Euro. Zudem könne man es sich „angesichts der demografischen Entwicklung gar nicht leisten, diese Leute ziehen zu lassen“. Schon jetzt gebe es in vielen Regionen kaum noch Fachkräfte.

Bei der Suche nach Gründen für die Misere nennt Knüppel auch die Ärztelobby. Viele Pflegestellen seien abgebaut worden, um die Tariferhöhungen für Mediziner zu finanzieren. Experten zufolge gab es solche Umschichtungen schon vorher. Nur ein Drittel des Stellenabbaus zwischen 1996 und 2006 sei durch Budget engpässe erklärbar, sagt Simon. Der überwiegende Teil des im Pflegedienst eingesparten Geldes sei in die Finanzierung zusätzlicher Arztstellen geflossen. Was aber nütze dem Patienten eine erstklassige Operation, wenn es danach an der Pflege fehle, fragt Knüppel. Von der Gesellschaft komme diesbezüglich zu wenig Druck – „wenn die Menschen gesund sind, haben sie dafür kein Interesse, und wenn sie krank sind, haben sie keine Kraft“. Auch die eigene Lobby sei zu schwach. In Skandinavien seien mehr als 90 Prozent der Pflegekräfte organisiert, in Deutschland acht Prozent.

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