Zeitung Heute : Phänomen Rostropowitsch

SYBILL MAHLKE

Der Cellist mit den Philharmonikern unter Seiji OzawaSYBILL MAHLKEEin Konzert, bei dem alles stimmt.Der verjüngte Holzbläsersatz des Berliner Philharmonischen Orchesters mit dem Soloflötisten Emmanuel Pahud, der gerade seine Debüt-CD herausgebracht hat, dem Klarinettisten Wenzel Fuchs und dem Oboisten Albrecht Mayer trifft sich zum musikalischen Dialog mit dem siebzigjährigen russischen Großmeister des Violoncellos: Mstislaw Rostropowitsch.Als ein leidenschaftlich dienender Begleiter tritt der Japaner Seiji Ozawa am Dirigentenpult dafür ein, daß die Koordination technisch wie inhaltlich klappt.Auf dem Programm steht das Cellokonzert h-Moll Opus 104 von Antonín Dvorák. Mag es der etablierten Musikwissenschaft einst gefallen haben, der ganzen tschechischen Schule von Smetana nebst Dvo«rák nur eine "pittoreske Note" im "Konzert der europäischen Musik" zuzugestehen, mag speziell der Ruf des Cellowerkes auch bei den Verehrern Dvo«ráks hinter dem anderer seiner Kompositionen zurückstehen, das Ereignis Rostropowitsch / Berliner Philharmoniker räumt alle Bedenken hinweg.Die autobiographischen Überschattungen der letzten großen "amerikanischen" Partitur, das Lied "Laßt mich allein" im Adagio und die Wehmut im Finale, schließlich die eigene Wertschätzung des Werkes durch seinen Schöpfer gehen in eine überredende Interpretation ein.Kommunikation ist ihr Zeichen. Das Phänomen Rostropowitsch besteht nicht allein in seinem Cellospiel, der adligen und kraftvollen Melodieführung, dem Virtuosenfeuer, der mit Lust absolvierten Notenarbeit, dem Ton, der niemals näselt oder brummt, den kernigen Doppelgriffen, dem Flüstern am Rand der Stille.Der Kammermusiker, Pianist und Dirigent Rostropowitsch, der hier Cello spielt, neigt sich förmlich in das Orchester hinein, sucht, wo es möglich ist, Blickkontakte mit seinen Partnern wie dem Solistenkollegen Kolja Blacher am Konzertmeisterpult, tritt deutlich zurück mit seinen Figurationen, wenn andere Instrumente die thematische Führung haben.Nicht selten erweckt die erfüllte musikalische Rede bei der Konzentration im Leisen den Anschein, gerade hier fange die Musik erst richtig an.Der Cellist Rostropowitsch gibt mehr als ein Solo, nämlich die Ganzheit musikalischen Fühlens.Ein Konzert, das so von Herzen kommt, verfehlt kein Publikum. Um Rostropowitsch auch im zweiten Teil des Abends nicht missen zu müssen, holen die Philharmoniker mit ihrem Bratschisten Wolfram Christ als zweitem Solisten zu "Don Quixote" von Richard Strauss aus, den "Fantastischen Variationen über ein Thema ritterlichen Charakters für großes Orchester".Versteht sich, daß die Musiker mit ihrer Klangpalette dem "Meister der Oberfläche" prächtig Tribut zollen, daß die Abenteuer des Ritters von der traurigen Gestalt mit Witz und Perfektion geschildert und z.B.die "zwei Pfäfflein auf ihren Maultieren" von den beiden Fagottisten trefflich charakterisiert werden.Rostropowitsch ist auch ein Interpret der hinterhältig fabulierenden Ironie.Und er weiß zu betören, wenn es um Dulzinea oder die einsame Weise am Ende geht.Die tiefsinnigen Gespräche zwischen Ritter und Knappe machen in Solocello und Solobratsche bei dieser Besetzung besten Effekt.Dennoch ist man nicht allzu böse, das beflissene Bilderbuch, das der Komponist gern noch mit seinem "Heldenleben" abendfüllend vereinen wollte, auch wieder zugeklappt zu sehen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben