Zeitung Heute : Pharaonen in Farbe

Die Erfindung der Dreifarbenkamera durch Adolf Miethe im Jahr 1899 veränderte das Sehen.

Hans Christian Förster
In voller Pracht. Diese Aufnahme zeigt den Trajan-Tempel in Philae erstmals in Farbe. Sie ist dem Buch „Unter der Sonne Oberägyptens“ entnommen, das mit seinen beeindruckenden Fotografien vor hundert Jahren eine Sensation war. Foto: Miethe
In voller Pracht. Diese Aufnahme zeigt den Trajan-Tempel in Philae erstmals in Farbe. Sie ist dem Buch „Unter der Sonne...

Als 1909 das Buch „Unter der Sonne Oberägyptens. Neben den Pfaden der Wissenschaft“ auf den Markt kam, verbarg es zwischen seinen beiden Buchdeckeln eine Sensation. Erstmalig konnte das deutsche Publikum das Erbe der Pharaonen in Farbe bewundern. Etwa 40 Farbfotos von bemerkenswerter Qualität zeigten die Tempel von Luxor und Kom Ombo, die Memnonskolosse oder die Ruinen in Medamut. Buch und Fotos waren von Adolf Miethe (1862-1927), Professor an der Technischen Hochschule Berlin (TH), der Vorgängereinrichtung der TU Berlin. Er hatte die Grundlage für die Sensation geschaffen, schließlich war es ihm gelungen, die erforderliche Technik für den Druck von Farbbildern zu entwickeln.

Im Vorjahr hatte eine Forschergruppe der TH, zu der Miethe und der Physiker Ferdinand Kurlbaum gehörten, einer Expedition nach Oberägypten unternommen. Sie sollte in Assuan Dämmerungsphänomene fotografisch dokumentieren, ultraviolette Strahlung des Sonnenspektrums untersuchen und die Solarkonstante neu bestimmen. Trotz des Wüstenklimas, trotz extremer Temperaturschwankungen und gefährlicher Sandstürme funktionierten die sensiblen technischen Expeditionsgeräte. Dazu gehörte auch eine Dreifarbenkamera, mit der Miethe viele ägyptische Altertümer in Assuan, Philae, Kom Ombo und Luxor auf Fotoplatten bannte.

Diese neue Dreifarbentechnik hatte Miethe seit 1899 am Fotochemischen Institut der TH entwickelt. In Europa und in den USA arbeiteten seit langem Wissenschaftler an einem Verfahren, um Farbbilder zu erzeugen und zu reproduzieren. Miethe konnte sich auf fotochemische Erkenntnisse seines Lehrstuhlvorgängers Hermann Wilhelm Vogel und auf eigne Erfahrungen in der optischen Industrie stützen. Seine erste Dreifarbenkamera entstand 1899 in der Berliner Werkstatt von Wilhelm Bermpohl. Mittels dreier Farbfilter (blau, grün und rot) wurden drei Fotoplatten belichtet. Die naturfarbenen Bilder entstanden – vereinfacht gesagt – additiv aus drei fixierten Positiven.

1903 hatte Miethe in Kooperation mit der Optik-Firma Goerz AG einen Dreifarbenprojektor konstruiert, der beeindruckend große, helle Farbfotos auf eine Leinwand projizierte. Der technikaffine Kaiser Wilhelm II. war begeistert und ließ, durch Dreifarben-Gummidruckverfahren, bunte Bildpostkarten von sich anfertigen. Die Farbfotografie, erklärte Miethe 1905, stehe nunmehr als „stets bereite Dienerin und Helferin in allen Gebieten der Forschung und der Kunst“ zur Verfügung.

Doch mit ihr veränderte sich auch die Ästhetik des Sehens. Während das Schwarz-Weiß-Bild vom Spiel von Licht und Schatten lebt, benötigte Farbe eine ausgeglichene Helligkeit. So schuf die Farbfotografie eine neue, bisher ungesehene bildhafte Fixierung der Realität. Wenige Jahre später, im Dezember 1912, fand der Architekt und Archäologe Ludwig Borchardt im ägyptischen Amarna die Büste der Königin Nofretete. Da er sich seit 1898 im Land am Nil aufhielt, war ihm die neue Technik, naturfarbene Fotos herzustellen, nicht bekannt. Hätte er davon gewusst, so wäre der Satz über den sensationellen farbigen Fund „Beschreiben nützt nichts, ansehen!“ im Erfolgsbericht an seinen Auftraggeber und Mäzen James Simon in Berlin wahrscheinlich nie geschrieben worden. Hans Christian Förster

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