Zeitung Heute : Phase der Stille

SANDRA LUZINA

Tanztage im Pfefferberg: Erkundungen im KellergewölbeSANDRA LUZINADie Tanztage im Pfefferberg erfreuen sich auch diesmal eines regen Zulaufs.Das soziokulturelle Zentrum in Prenzlauer Berg packte die Gelegenheit beim Schopf, das Interesse auf den historischen Ort selbst zu lenken, dezent und künstlerisch verpackt Werbung in eigener Sache zu machen.Als Vorspiel zu den Tanzaufführungen werden kurze in-situ-Performances und kleine Aktionen gezeigt, die sich mit der wechselvollen Geschichte und der ungewissen Zukunft des Mitte des 19.Jahrhunderts im Stil der Industriearchitektur errichteten Gebäudekomplexes befassen.Denn das Areal steht gerade zum Verkauf.Ob die Kultur hier künftig ein Domizil findet, ist fraglich.Für zwei Tage durften die Kellerverliese der ehemaligen Brauerei für eine interessierte Öffentlichkeit geöffnet werden.So stapft man durch ein Labyrinth an Gängen, lugt durch Löcher im bröckelnden Gemäuer, staunt über die hohen Tonnengewölbe.Wo einst die Fässer der Brauerei lagerten, wo während des Krieges die Großbäckerei "Germania" Brot backen ließ und Zwangsarbeiter wohl auch heimlich in der Rüstungsproduktion beschäftigt waren, da treiben die Performer ein bißchen Schabernack, beschwören die Kellergeister.Christin Choo als Mädchen mit den Zündhölzern spielt ein bißchen mit dem Feuer, Anton Reza-Bernal produziert mit vielen bunten Luftballons nur Luft.Eine tänzerische Spurensuche ist die "Das Archiv" titulierte Osterkundung nicht.Dem kollektiven Gedächtnis verhilft man so nicht auf die Sprünge.Es ist der Ort selber, der die Phantasie der Zuschauer anregt. Die Kompanie "Zen in the Basement" besteht aus früheren Mitgliedern der Group Motion Company aus Philadelphia.In der Choreographie "Still Point" tapsen und stolpern drei Tänzerinnen in Unterröcken wie von unsichtbaren Fäden gezogen über die leere Bühne.Die Choreographin Heidi Weiss läßt die Puppen tanzen, um die Fremdbestimmtheit des Daseins zu illustrieren.Das puppenhafte Gebaren stellt die Zuschauer aber bald auf eine Geduldsprobe.Kraftvolle Attacken und Ausbrüche markieren kleine Schritte in die Selbstbestimmung.Von innen bewegt, nicht von außen gelenkt - so ließe sich der Zielpunkt der mühevollen Fortbewegung benennen.Deshalb verdonnert die Choreographie die Tänzerinnen zu einer langen Phase der Stille, die der Selbstfindung dienen soll und doch in Langeweile umzukippen droht.Trotz einiger gelungener Passagen ist Still Point in choreographischer und dramaturgischer Hinsicht noch etwas dürftig.So ist es vornehmlich die superbe Esther Cowens, die das Zuschauen lohnt.

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