Philippe Jaroussky : Die Entdeckung der Freiheit

Opium statt Kastratenton: Philippe Jaroussky erweckt im Kammermusiksaal Lieder der Belle Epoque.

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Foto: Promo

Es klingt wie ein Widerspruch in sich: Da hat sich ein junger Sänger in wenigen Jahren ganz in die Höhe geschwungen und gilt als einer der gefragtesten Countertenöre unserer Zeit. Und doch arbeitet Philippe Jaroussky gezielt daran, alles abzulegen, was vermeintlich einen Opernstar ausmacht, zumal in seinem Stimmfach. Diesen schillernden, schwerelosen Spitzentönen, irgendwo zwischen Himmel und Erde, zwischen Mann und Frau, will er das Affektierte nehmen, das Drama.

Mit gerade mal 33 Jahren wagt Philippe Jaroussky, was sich nur große Sänger trauen: Er sieht davon ab, den singenden Menschen als Ausnahmefall seiner Spezies in eine Aura des Artifiziellen zu hüllen. Aus der Pariser Vorstadt ist Jaroussky mit zielstrebiger Leichtigkeit die internationale Tonleiter hinaufgeeilt und hat dem Klangbild des Countertenors eine neue Facette hinzugefügt. Doch engelsgleich genannt zu werden, widerstrebt ihm zutiefst. Er will als Mensch aufs Podium federn.

Im vergangenen November trat er mit Händels Opernarien im großen Saal der Philharmonie auf. Eine Versuchung, in gleich zweifacher Hinsicht. Für die Kastratenstars seiner Zeit geschrieben, gehen Händels Bravournummern von kräftigeren Stimmen aus, als sie Jaroussky besitzt. Auch dürften die Diven von damals kein Melodram ausgelassen haben, wo ihre Existenz doch einem einzigen Drama glich: auf der Bühne waren Kastrastraten umjubelte Stars, im gesellschaftlichen Leben hingegen geächtet. So lebten sie nur im Rampenlicht – und erloschen oft mit ihm.

Jaroussky quälten zu Beginn seiner Karriere ganz andere Sorgen: „Ich habe von Natur aus keine große Stimme und werde auch nie eine besitzen. Ich hatte immer die Sorge: Können mich die Leute auch gut hören“" Doch von der bewunderten Cecilia Bartoli weiß er: Es kommt nicht auf das Volumen der Stimme an, sondern darauf, wie man es in den Saal zu projizieren vermag. Ein großer Saal, ein dramatisches Repertoire: Jaroussky lässt sich von Händel und der Philharmonie nicht provozieren. Und zeigt, wie elegant und unwiderstehlich es sein kann, Versuchungen nicht vollends nachzugeben.

Mit 18 weiß Jaroussky, was er unbedingt werden will: Er hört einen Countertenor und spürt, dass er seine Stimme gefunden hat. Es dauert, bis seine Lehrer das genauso sehen. Inzwischen weiß er genau, mit wem er als Sänger weiter wachsen kann. Zum Beispiel mit Christina Pluhar und ihrem fantastischen Barockensemble L’Arpeggiata. Mit ihr improvisiert sich Jaroussky hin zu einem Monteverdi, der den Walking Bass erfunden hat. „Mit Christina entdeckte ich eine andere Seite von mir, Humor und Frische. Und das rubato, die Kunst, einem Vokal mehr Bedeutung zu schenken als einem anderen.“ Man könnte das auch die Entdeckung der Freiheit nennen. Sie findet Jaroussky auch, wenn er Kollegen wie Edith Piaf, Jacques Brel oder Ella Fritzgerald lauscht. An der Seite von Christina Pluhar und L’Arpeggiata erkundet Jaroussky auf seiner jüngsten CD „Los Pajaros Perdidos“ (erschienen bei Virgin) die Klangwelt Lateinamerikas mit Fandangos, Boleros und Flamencos. „In der Oper singen wir manchmal nur, was geschrieben steht“. Daran, dass Musik erst jenseits von Noten zu leben beginnt, hat Jaroussky keinen Zweifel.

Mit dem Gegenstück zu seinem Händel-Programm macht der Countertenor jetzt im Kammermusiksaal Station. „Opium“ vereint intime Lieder der Belle Epoque. Die CD war in Deutschland weit erfolgreicher als in Frankreich. Man hatte dort andere Erwartungen. „In Frankreich gelte ich als Barocksänger, der italienisch singt. In Deutschland bin ich zu allererst ein französischer Sänger.“ Hier kenne sich das Publikum mit Liederabenden aus und erwarte dabei keine Pyrotechnik. Als Dank bringt Jaroussky neue Lieder nach Verlaine mit.

„Opium“, 16.2., 20 Uhr

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