Zeitung Heute : Phrasen dreschen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Helmut Schümann

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Mitunter ist so eine Heranreifung auch eine feine Sache. Es war ja hier schon mal davon die Rede, dass Pubertist Paul und seine Mitpubertisten Worte kennen, Worte sind das, die traut der Vater sich nicht einmal hinzuschreiben. Oder nur die ersten beiden Buchstaben, weil dann klar sein müsste, was für Worte das sind: Ar- zum Beispiel.Man muss aber fairerweise sagen, dass der Gebrauch dieser Worte nachgelassen hat, zumindest im Beisein von Vater und Mutter. Ohnehin ist Pauls Sprache so gar nicht, wie man sie in Sprachführern zur Jugendvokabular findet. Zumindest ist sie es nicht im Beisein von Vater und Mutter.

Neulich fuhr Paul mit dem Vater Bus und hinter den beiden saßen zwei Pubertistinnen im lauten Gespräch. Es ging um einen Jungen, „so ein Typ“ eben, Pubertist mutmaßlich auch der. Der kam nicht gut weg bei den Mädels, „krass belastend“ ist er, sagte die eine. „Und ey, wie der schon aussieht“, sagte die andere, „voll belastend.“ Die erste hatte auch noch etwas auszusetzen, „ey, wenn der bloß den Mund aufmacht, echt belastend. „Ja“, sagte die zweite, „da hast du voll Recht, der Typ ist so was von belastend.“

Paul grinste. „Ich möchte euch nicht hören“, sagte der Vater, aber da war er an den Falschen geraten. „Nix da“, sagte Paul, „ich red so nicht, Luise redet so nicht, der große Konrad auch nicht und der lustige Lukas erst recht nicht.“ Mit Luise ist Paul jetzt schon ziemlich lange sehr innig, der große Konrad und der lustige Lukas sind Mitpubertisten. „Ist ja nicht auszuhalten, das Gequatsche.“ Der Vater guckte. „Ey, Alter, was guckst du, bin ich Kino“, sagte Paul und lachte, „das ist auch so ein Müllsatz.“

Und jetzt haben der Vater und Paul ein neues Spiel, man könnte das das Phrasen-Dreschen dreschen nennen. „Wenn einer schon ,supi’ sagt“, sagt Paul. „Oder ,Bingo’“, sagt der Vater. „,Sprech’“, sagt Paul, „,Sprech’ ist ganz schlimm, ,sprech’ geht gar nicht, ist wie ,belastend’.“ „Vom feinsten“, findet der Vater das Spiel, dann flog „vom feinsten“ auch aus dem Fenster.

Einmal hat Paul gelesen, dass irgendein Fußballverein „richtig Geld in die Hand genommen hat“, um einen Spieler zu kaufen. „Geht so etwas nicht bargeldlos“, fragte Paul, „richtig Geld in die Hand nehmen“ liegt jetzt auch im Müll. Neben „schlicht und ergreifend“, „auf den Tisch des Hauses“, „tschüssikowski“ , „lokaischen“ undundund.

Obendrauf prangt „auf Augenhöhe“. Was soll das eigentlich heißen“, hatte Paul gefragt, „na, so wie wir miteinander reden“, hatte der Vater geantwortet. Da hatte Paul kurz runtergeguckt und gemeint, dass der Vater sich ja dann auf einen Stuhl stellen müsste, um Pauls Augenhöhe zu erreichen. „Ha, ha“ sagte der Vater, „sehr witzig“, war aber durchaus mit Paul der gleichen Meinung. „Dann sind wir in diesem Punkt sozusagen auf Augenhöhe“, sagte er. „Ahrrrg“, schrie Paul auf und dann hatten er und der Vater das Wortungetüm auf den Müll gepackt. Und das war eine sehr schöne gemeinsame Arbeit von Vater und Sohn.

Sprachsichere Lektüre nicht nur für Pubertisten: J. D. Salinger: „Der Fänger im Roggen.“, neu übersetzt von Eike Schönfeld. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003. 15 Euro.

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