Zeitung Heute : Pianist statt Playerpiano

VOLKER STRAEBEL

Pierre-Laurent Aimard konzertierte im Kammermusiksaal VOLKER STRAEBELManche Konzerte lassen einen sprachlos zurück, beglückt und ein wenig erschlagen, nach all den vielen Noten.Ein Programm mit vieltönigen Klavieretüden, wie es Pierre-Laurent Aimard im Kammermusiksaal bot, ist dazu besonders angetan.Mit Chopins Etüdenzyklus op.25 und einer Auswahl aus Ligetis "Etudes pour piano" gab der überschwenglich gefeierte Aimard einige Kostproben seiner makellosen pianistischen Kunst. Gerade um solchem Virtuosentum zu entgehen und dessen natürliche Grenzen zu überwinden, hatte Conlon Nancarrow in den fünfziger Jahren begonnen, eigentlich unspielbare "Studies" für mechanisches Klavier zu komponieren.Ligetis Klavierzyklus entsteht nun seit den achtziger Jahren in unmittelbarer Reaktion auf die Werke Nancarrows, holt deren rhythmische Komplexität jedoch in das Genre der romantischen Konzertetüde zurück.Diese Charakterstücke von schwindelerregender Virtuosität vermochte Aimard mit pianistischer Leichtigkeit und klanglich wie dynamisch hochdifferenziert umzusetzen.Parallel laufende Schichten verschiedener Triller- und Repetitionsmuster überführte er in ein schillerndes, doch sauber strukturiertes Relief, das den Bauplan dieser Musik wie auf dem Seziertisch bloßlegt.Dabei trat Aimard trotz seines mitunter gewaltigen körperlichen Einsatzes stets hinter der Musik zurück, ließ mechanisch schnurrende Akkordketten oder notorisch motorische Synkopen für sich selbst sprechen, statt ihnen einen übermächtigen interpretatorischen Stempel aufzudrücken. Ebenso verhalf Aimard mit gezügelter Emotionalität Chopins "Zwölf Etüden" op.25 zu seltenem, von romantischem Ausdruckswollen entschlacktem Glanz.Selbst pedalisierte Passagen erhielten unter seinen Händen strahlende Transparenz, während das ungeschickte Aufheben des Pedals mit seinen Störgeräuschen zum steten Wermutstropfen der Schlüsse geriet.Dieser trübte aber nicht wirklich den großartigen Nachmittag, an dem Pierre-Laurent Aimard Moderne und Romantik durch ihre Konfrontation gleichermaßen entlarvte - und feierte.

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