Zeitung Heute : Piccolo

Sind sie kleine Faschisten? Nichts für Frauen? Jagd und Kampf? Oder sind Bonsaibäumchen Illusionen aus Fernost? Besuch bei einem Meister.

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Von Constanze von Bullion Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo hier unten, im Keller dieses Reihenhauses und in einer Metallkiste, die ausgerüstet ist wie eine Folterkammer. Schraubzwingen gibt es da, die den Pflanzen die Arme zurückbiegen und Drahtschlingen, die an ihren Kronen zerren. Sägen liegen bereit, um Gliedmaßen zu amputieren, gleich neben diesen Zangen, die ungehorsame Triebe köpfen können. Die Instrumente müssen scharf sein, damit die Wunden schnell verheilen, sagt Michael Exner, und wenn man ihn fragt, ob er eigentlich Sadist sei, dann lacht er und sagt, dass das nicht ausgeschlossen ist.

Dabei wirkt er gar nicht wie ein Folterknecht, dieser schmale, empfindsame Zwei-Meter-Mann, der in einer unauffälligen Siedlung in Kiel lebt, mit einem Futon, einer schönen Frau und zwei Dutzend Kindern, die er auf einem Holzgerüst im Garten hält. Michael Exner ist Vater einer Bonsai-Familie, Chefredakteur der Zeitschrift „Bonsai Art“ und hauptberuflich Psychoanalytiker. Das eine hat mit dem anderen viel zu tun, sagt er, und wer das nicht versteht, den nimmt er mit in eine kleine Welt, in der um große Lebensfragen gerungen wird.

Mit artig frisierten Zimmerpflanzen jedenfalls hat das wenig zu tun, was Michael Exner hier so treibt, und Bonsais fürs Wohnzimmer, mit rundgeschorenen Pudelköpfchen, die findet er schrecklich. „Denen hat man ihre Würde genommen“. Bonsais sind komplizierte Persönlichkeiten, die man unter freiem Himmel halten sollte, sagt er, jedenfalls wenn man mit ihnen ins Gespräch kommen will. Die alten Chinesen sollen das ja ähnlich gesehen haben, als sie vor 2200 Jahren künstliche Landschaften in den Palastgärten ihrer Kaiser anlegten. Die Meister des „Penjing“ zauberten lebende Baumskulpturen auf die Teetische reicher Chinesen und lehrten, im Kleinen das Große zu erkennen. Buddhistische Mönche sollen den „Bonsai“, den „Baum in der Schale“, im zehnten Jahrhundert nach Japan gebracht haben, wo er die Gelehrten begeisterte.

Streng aufrecht, geschwungen oder struppig wie ein Besen kann so ein Baum gezogen werden, wie eine „Kaskade“ nach unten fallen, sich „windgepeitscht“ ducken oder über Steine räkeln. Bäume und Felsen galten in Japan als Wohnorte der Götter, erzählt Exner, der über den Zen-Buddhismus zum Bonsai gefunden hat und schon lange nicht mehr glaubt, dass real ist, was real erscheint. Auch ein Bonsai stellt ja die Wahrnehmung in Frage, weil er naturgetreu wirkt, aber doch Illusion ist.

Wer sich einlässt auf dieses Spiel mit Bildern, der kann im Baum menschliche Züge erkennnen, bewundert seine Anspruchslosigkeit und die Würde des Alters oder assoziiert Unsterblichkeit mit diesem Zwerg, der quer durch die Generationen wächst, als wollte er raus aus dem Gefängnis menschlicher Zeitrechnung. Ein reifer Bonsai ist gezeichnet von den Wunden des Lebens, heißt es, er sollte harmonisch sein und „mit sich im Reinen“.

Bis dahin aber muss er sich mit allerlei menschlichen Ärgernissen plagen. Bonsais werden nach Geschlechtern unterschieden, es gibt Mädchenkiefern mit weichen Nadeln und stachlige Schwarzkiefern, die als männlich gelten. Die Hierarchie ist klar, behauptet Exner, Frauen gelten im Bonsai als hübsch und eher harmlos. Auch in den Vereinen sitzen fast nur Männer und bei Seminaren, die er mal abgehalten hat, sind die Frauen oft frühzeitig ausgestiegen. In der Sekunde der Wahrheit nämlich, als der Schnitt anstand, der alles zerstören oder neues Leben schaffen kann, hätten Männer zugedrückt – und viele Frauen die Zange abgegeben.

Nun ist es ja nichts Neues, dass Männer von sich glauben, alles besser zu können, und Michael Exner erinnert sich noch gut an seine erste Präsentation, für die er sich ein raffiniertes Konzept überlegt und munter losgeschnippelt hatte. Das Ergebnis war, na ja, „schrecklich“, mit dem Willen allein geht es eben nicht. Frauen zögern beim Schneiden, glaubt er, weil sie Beziehungswesen sind und in gekappten Wurzeln schnell verkrüppelte Füße sehen. Männer dagegen genießen das Risiko – und kämpfen dafür später. Wenn der Baum nicht macht, was sie wollen.

Michael Exner verschwindet im Keller und kommt mit drei Zangen zurück. Dann geht er in den Garten, wo struppige Bonsais die Arme in den Regen strecken. „Nur die kurzen Triebe sind wertvoll“, sagt er und zeigt auf einen japanischen Fächerahorn, „die langen passen in der Proportion ja nicht.“ Schnipp-schnapp, schon fliegen ein paar Ästchen. „Hier stimmt’s nicht“, sagt er und zeigt auf einen Wacholder. „Das muss angepasst werden“: eine Kiefer, die aus einem Baumstumpf wächst.

„Yamadoris“ heißen die Gestalten, die Bonsaianer im Gebirge ausgraben, um sie zu Hause so lange zu bearbeiten, bis sie aussehen als stünden sie im Gebirge. Oft sind es verkrüppelte Pflanzen, die windschief aus Felsen gewachsen sind oder von einer Lawine zertrümmert wurden. Exner mag ihre „dramatischen Formen“ und das zerschundene Holz, aus dem zaghaft neue Nadeln wachsen. Er lässt seine Zange in einen Kiefernstumpf beißen und zerrt am morschen Holz. Jahr für Jahr wird er so werkeln und feilen, bis der Stumpf wirkt wie ein vergammelter Ast.

Bonsais zu kultivieren hat viel mit Geschmack zu tun, mit Poesie – aber auch mit Macht. Nicht zufällig ist diese Kunst in Japan groß geworden, wo es kaum einen Quadratmeter Boden gibt, der nicht mit Terrassen befestigt oder sonstwie gestaltet ist. Der Gegensatz von wilder Natur und domestizierter Kulturlandschaft ist dem japanischen Denken fremd, sagt Michael Exner. Aber es stimmt natürlich, dass dieser Wunsch, ein Wesen zu manipulieren und zu bezwingen, auch eine faschistische Komponente haben kann.

Ein japanischer Bonsai-Meister ist stolz, dass an seinem Baum jedes Blatt so wächst, wie er will, und es keine Nadel gibt, die er nicht kennt. Schließlich hat er sie ja dran gelassen. Selbstverständlich beschneidet er die Rinde so, dass die Lebenssäfte des Baumes fließen, wohin er will, und nur die stärksten Triebe durchkommen. Der Mensch ersetzt dem Baum die Natur, sagt Exner, „Ich bin Blitzschlag und Rothirsch, Steinschlag und Regen für ihn.“ Er sagt nicht: Ich bin der liebe Gott. In den 80er Jahren, als Exner aus einem baumlosen Kaff an der Unterweser geflohen war, sich verabschiedet hatte von einer „nicht sehr glücklichen Kindheit“ und einem stummen katholischen Elternhaus, kam er zur Psychoanalyse und in die kleine Gemeinde der sehr ernsthaften deutschen Bonsai-Freunde. Die Pflanzen und ihre subtilen Botschaften haben ihm gefallen, die Clubzeitung dagegen weniger. „Die Artikel hatten ein Pathos, bei dem mir schlecht geworden ist.“

Von Bäumen aus den Bergen wurde da geschwärmt, die „in der Kampfzone überlebt“ hatten, die alles Schwache „ausgemerzt“ hatten und jetzt „gramgebeugt“ und vom Krieg gezeichnet waren. Nur wer selbst so gelitten hatte, so wurde suggeriert, konnte Bonsais richtig verstehen. Exner hat 1993 eine eigene Zeitung gegründet, hat sich an eine nüchterne Sprache gehalten und an die Wirklichkeit, in der nicht nur Siege errungen werden.

Das mit der Macht nämlich ist eine knifflige Sache. „Irgendwann wird man zum Sklaven der Pflanze“, sagt Exner. „Dann traut man sich nicht mehr in Urlaub zu fahren, weil kein Mensch weiß, wie die Pflanzen gegossen werden.“ Er hat versucht, diesem „Knechtverhältnis“ zu entfliehen, fuhr endlich mal weg. Prompt goss ein Nachbar einen Wacholder zu Tode, der über 100 Jahre alt war. Exner wollte hinschmeißen, hat lange getrauert. Und natürlich die Sinnfrage gestellt.

„Doch, schon“, sagt der Psychoanalytiker, wenn man ihn fragt, ob seine Bonsais ein Kinderersatz sind. „Wobei ein Ersatz voraussetzt, dass es das Eigentliche gibt. Das bezweifle ich.“ Wer einen Baum Jahrzehnte bearbeitet, ihn fotografiert, irgendwie zu deuten versucht, führt einen Dialog, der der Erziehung eines Kindes, aber auch einer Psychoanalyse nicht unähnlich ist. Irgendwann aber stößt dieser Dialog an seine Grenzen, und wie der Patient kann auch ein Baum sich wehren. „Und wie“, sagt Exner. „Zur Not geht er ein.“

Fragt man ihn, welcher Bonsai ihm der liebste ist, zögert er lange und guckt in seinen Garten. Nein, sagt er dann, er liebt sie alle – jeden für seine Besonderheit. Den Ahorn für sein Laub, das im Herbst wie Feuer brennt. Die Kiefer, deren Arme sich unter der Schneelast biegen. Dann ist es fast als stünde er in einem Wald, in dem der Schnee auf den Bäumen glitzert und die Sonne das Harz in den Rinden duften lässt. Klingt kitschig. Ist aber Natur.

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