Zeitung Heute : Piepen und Klingeln - doch es bleibt still

ANNETTE KÖGEL

Diesmal ist es nicht einfach, der Besuchergruppe den Alltag in der Lokalredaktion zu erklären.Klingelnde Telefone, piepende Faxe, lautstarke Gespräche, brummende Heißwasser-Boiler in der Küchenecke - all das kennen die Schülerinnen und Schüler der Ernst-Adolf-Eschke-Schule nicht.Sie sind gehörlos.Wenn es so laut sei, dann sollte man in der Redaktion wohl besser Kopfhörer aufsetzen, scherzt der 19jährige Wjatscheslaw.Zum Abschluß ihres "Klasse!"-Zeitungsprojektes besuchten Jugendliche der Klassen 10a und 10b vom Sonderpädagogischen Förderzentrum in Charlottenburg jetzt die Zeitung, mit der sie sich einen Monat lang beschäftigten.

Auf die Presse sind die Schüler nicht besonders gut zu sprechen.Sie machen dies in der Gebärdensprache deutlich, Klassenlehrer Ulrich Möbius und Christine Schiedeck-Nattour dolmetschen.Allzu oft sei das überholte Wort "Taubstumme" zu lesen, obgleich sie durch ihre eigene Sprache doch keinesfalls stumm seien, ärgern sich die Schüler.Weil sie Wörter nicht als akustischen Gesamteindruck wahrnehmen können, sondern Buchstabe für Buchstabe auswendig lernen müssen, haben Gehörlose oft Schwierigkeiten mit dem Lesen, erklärt Ulrich Möbius.So empfand auch der 19jährige Keetawat viele Artikel im Tagesspiegel teils als schwer verständlich.Diese Kritik äußerten aber nicht allein die gehörlosen Leser, lautet die Entgegnung.Der 18jährige Adam nahm die Zeitung einfach mit nach Hause und ging sie dort mit seiner Mutter durch.

Vier Wochen Zeitung lesen, Artikel ausschneiden und analysieren, Unterlagen zu den Medien im Allgemeinen durchnehmen - "Klasse!" war auch für die Eschke-Schüler nicht nur mit Arbeit verbunden.Die 16jährige Marni las gern Berichte über den neuen Bundeskanzler, und René blätterte im Sportteil.Welche Rolle spielt die Chefredaktion in einer Zeitung? Werden eigentlich alle Aktikel gegengelesen? Fragen wie diese stellten bereits über ein Dutzend der fast 230 "Klasse!"-Klassen mit mehr als 5500 Jugendlichen bei Hausführungen, die der Verlag innerhalb des Medienprojektes für seine jungen Leser anbietet.

Rund zwei Stunden dauert der Besuch mit einleitendem Gespräch über Redaktionsalltag und Zeitungswesen, Gang durch Redaktion, Umbruch, Plattenherstellung und Druckerei.Wer sich nicht mit der ganzen Klasse auf den Weg zum Tagesspiegel machen möchte, kann Redakteure und andere Mitarbeiter des Hauses auch zu einem Gespräch in die Schule bitten.

Wer mit seinen Schülern zur Zeitung kommt, hat in der Politik-Redaktion mitunter Gelegenheit, in den Agentur-Nachrichten für die Seite "Aus aller Welt" der Ausgabe des nächsten Tages zu blättern.In der Druckerei staunen die jungen Leser über die riesige Druckmaschine und die 1,5 Tonnen schweren Papierrollen.Was darauf später geschrieben steht, ist oft auch der Anregung von Lesern zu verdanken.

Wjatscheslaw hat sich indes noch nicht getraut, einen Brief an die Zeitung zu schreiben.Dabei würde er sich gern einmal über die Hänseleien anderer Menschen beschweren.Einmal hat ihn sogar jemand auf der Straße angespuckt.Bei seinem Betriebspraktikum in Husum störte ihn, daß die Hörenden vor allem unter sich kommunizierten.Unterdessen sucht die Ernst-Adolf-Eschke-Schule noch Schüler-Praktikumsplätze vor allem in Handwerksbetrieben (Telefon: 34 30 5000, Fax: -5033).



Wer mit seiner Klasse oder seinem Kurs den Tagesspiegel besuchen möchte, kann sich unter der "Klasse!"-Rufnummer 26009-302 (14-16 Uhr) melden.Eine Liste mit den Namen von mehr als 50 Redakteuren und anderen Mitarbeitern, ihren Rufnummern sowie Angaben zum Tätigkeitsbereich wird den "Klasse!"-Klassen mit ihrer Unterrichtsmappe zur Verfügung gestellt.Wir bitten um Verständnis, falls wir ein Gespräch oder eine Führung wegen großer Nachfrage einmal nicht ermöglichen können.Die nächste "Klasse!"-Sonderseite mit Schülertexten zum Thema Ausbildung und Berufswunsch erscheint nach den Weihnachtsferien Anfang nächsten Jahres.

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