Pilgerweg : Wenn die Seele leicht wird

Auf dem dem Pilgerweg von Berlin nach Bad Wilsnack entdecken Wanderer die wahren Werte und finden zu sich selbst.

Marlies Gilsa

Was das wohl zu bedeuten hat? Wir sind kurz vor dem Ziel unseres Pilgerwegs und dann baumeln da plötzlich kaputte Wanderstiefel an einem Baum. Die Sohlen haben sich vom Rest der Schuhe abgelöst und bieten einen traurigen Anblick. Für die Stiftung Warentest wäre das ein eindeutiger Fall von Materialermüdung. Wir verstehen es stattdessen als Mahnung, jetzt bloß nicht übermütig zu werden. Denn zugegeben: Wer mehr als 130 Kilometer gelaufen ist und nur noch ein oder zwei vor sich hat, wird leicht euphorisch. Bald werden wir in Bad Wilsnack, dem Endpunkt unserer Wanderung eintreffen – wie Zigtausende von Pilgern, die im Mittelalter diesen oder einen ähnlichen Weg gegangen sind. Ihre Motive mögen ganz unterschiedlich gewesen sein. Damals sprach man nicht von Entschleunigung und Selbstfindung, vielmehr ging es darum, sich von Sünde oder Krankheit zu befreien und die Seele vor dem Fegefeuer zu retten. Doch hatten sie dasselbe Ziel wie wir: die Wunderblutkirche von Bad Wilsnack, wo sich um 1383 ein Wunder ereignet haben soll.

Nachdem der Raubritter Heinrich von Bülow die damalige Kirche in Brand gesetzt hatte, soll der Pfarrer in den Trümmern drei Hostien gefunden haben, die das Feuer unbeschadet überdauert hatten. Jede von ihnen war mit Blut befleckt. Nur durch ein himmlisches Wunder, so glaubten die Menschen, habe das geschehen können. Schnell sprach sich das herum, und eine gewaltige Wallfahrtsbewegung setzte ein, die mehrere Jahrhunderte anhielt. „Bad Wilsnack war eins der bedeutendsten Wallfahrtsziele im Mittelalter“, weiß Carina Brumme zu berichten, die am Lehrstuhl für Christliche Archäologie an der Humboldt-Universität über Pilgerzeichen geforscht hat. „Im Umkreis von 600 bis 700 Kilometern gab es kein vergleichbares Pilgerziel.“ Im Zeichen der Reformation verebbte der Menschenstrom aus Nord-, Süd- und Osteuropa.

Heute erlebt der Pilgerpfad von Berlin aus wieder einen gewissen Aufschwung. Schon lange vor Harpe Kerkeling hat sich 1988 der Westberliner Wolfgang Holtz auf den Weg gemacht, inzwischen wurde die 135 Kilometer lange Strecke vom Förderverein Wunderblutkirche und den Tourismusverbänden neu angelegt – Symbol sind drei rote Punkte, die für die Bluthostien stehen. „Wir schätzen, dass pro Jahr zwischen einhundert bis zweihundert Menschen unterwegs sind“, meint Jürgen Purps vom Förderverein Wunderblutkirche. Er räumt ein, dass die Infrastruktur rund um den Weg noch verbesserungswürdig ist. Zwar gibt es einige Hotels, Pensionen, einfache Heuquartiere und Pfarrhäuser, die Pilgern Unterkunft anbieten. Doch mitunter ist auf langen Strecken noch nicht mal ein Kaffee oder ein Glas Wasser zu bekommen.

Wobei ein gewisses Quantum Abenteuerlust und Konsumverzicht natürlich dazugehören. Umso mehr wissen wir es zu schätzen, wenn wir abends im Dorfkrug von Bendelin noch eine warme Mahlzeit bekommen, und wenn in Vichel, wo das Ehepaar Masloch freundliche Zimmer in einem schönen Fachwerkhaus vermietet, sogar Biowein ausgeschenkt wird. Ansonsten zehren wir vor allem von der Landschaft. So eintönig sie auf den ersten Blick aussieht – bei näherem Hinsehen entpuppt sie sich als ausgesprochen vielfältig. Kilometerlang geht es durch den Krämer Forst, dann durch das fast baumlose Rhinluch mit seinen idyllischen Wiesen, Kühen und Pferden. Wunderschön ist die Strecke, die von Wusterhausen am Klempowsee entlang nach Kyritz führt, ein Highlight auch die letzte Etappe von Plattenburg nach Bad Wilsnack: Von einer der größten Wasserburgen Norddeutschlands, die sich romantisch im Burggraben spiegelt, geht es lange Zeit durch lichten Laub- und Kiefernwald, bis wir am letzten Tag unserer Wanderung in der mächtigen Kirche ankommen.

Kaum haben wir uns in der Wunderblutkapelle mit dem leeren Wunderblutschrein umgesehen – die Hostien wurden nach der Reformation verbrannt – , wird uns ein Fragebogen überreicht, in dem wir unsere Erfahrungen auf dem Wanderweg festhalten sollten. Immerhin eine gute Gelegenheit, die sechs Tage Revue passieren zu lassen. Pilgern, hatte die Pastorin, die uns anfangs eine Art Segen erteilt hat, gesagt, sei ein Gebet mit den Füßen, eine Sehnsuchtsbewegung, die es der Seele leicht mache, dem Körper zu folgen. Das können wir gut nachvollziehen.

Schwieriger ist es, in diesem Teil Brandenburgs das Pilgern als Begegnung mit Menschen, als Gemeinschaft auf Zeit zu begreifen, wie es uns die Geistliche ans Herz gelegt hatte. Wo sind sie denn, die Menschen, fragen wir uns in vielen Dörfern, die wie ausgestorben wirken. Lebenszeichen erhalten wir erst, wenn wir an einer Haustür klingeln, um uns den Schlüssel für die Dorfkirche zu holen. Dann kommt man schnell ins Plaudern und staunt, was sich so hinter den Kulissen alles tut. Bötzow, Barsikow, Berlitt zum Beispiel: Die drei Dörfer haben nicht nur den Anfangsbuchstaben gemeinsam, sie besitzen auch einmalige mittelalterliche Feldsteinkirchen, die vom Verfall bedroht waren.

Ohne das ehrenamtliche Engagement der Anwohner wären sie längst nicht so schön anzusehen. Jedes Mal hat ein Heimatverein große Anstrengungen unternommen, um Geld für die Sanierung einzutreiben. Da werden Konzerte veranstaltet, eifrig Kuchen gebacken, Schmalzstullen geschmiert und Feste organisiert – alles, damit die Kirche im Dorf bleibt und eine Augenweide für Besucher ist. In Barsikow soll in dem Gemäuer aus dem 14. Jahrhundert, in dem drei fast fünfhundertjährige Glocken hängen, sogar eine Pilgerunterkunft eingerichtet werden. Ein bisschen wird es wohl noch dauern, bis die Genehmigungen bei der Denkmalbehörde eingeholt sind. Aber irgendwann wird es soweit sein. Bis dahin findet sich vielleicht auch noch der eine oder andere, der unterwegs Kaffee und Kuchen anbietet.

Über den genauen Streckenverlauf und Unterkünfte informiert der Förderverein Wunderblutkirche im Internet unter www.wege-nach-wilsnack.de. Weitere Informationen und einen entsprechenden Flyer gibt es Tourismusverband Prignitz, Telefon: 03876/30741920

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