Zeitung Heute : Pillen, Pipetten und Pyrotechnik

Eine interaktive Ausstellung im Deutschen Technikmuseum Berlin macht Chemie anschaulich und zeigt, wie Medikamente und chemische Produkte entstehen.

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Chemie erforschen. Die Schering-Ausstellung im Deutschen Technikmuseum wendet sich vor allem an ein junges Publikum. Foto: Christoph Musiol
Chemie erforschen. Die Schering-Ausstellung im Deutschen Technikmuseum wendet sich vor allem an ein junges Publikum. Foto:...

Eigentlich interessiert Chemie uns alle. Die meisten von uns wissen es nur noch nicht. Denn, Hand aufs Herz, im Chemieunterricht war zwar viel vom Periodensystem der Elemente und der Reaktionsfreudigkeit der Wasserstoffatome die Rede. Doch über alledem wurde nur einer Minderheit der Schülerinnen und Schüler klar, wie viel das Fach mit unserem Alltag und insbesondere mit unserer Gesundheit zu tun hat. Entsprechend blass sind bei der Mehrheit leider die Erinnerungen.

Im Deutschen Technikmuseum Berlin besteht seit gut zwei Jahren die Chance, das gründlich zu ändern. Mit der Dauerausstellung „Pillen und Pipetten – Die chemisch-pharmazeutische Industrie am Beispiel Schering“ haben nämlich auch chemische und pharmazeutische Industrie im beliebten Familien-Ausflugsziel an der Trebbiner Straße Einzug gehalten, wo viele eher historische Eisenbahnloks und Schiffmodelle erwarten.

Doch man kann dort inzwischen auch ein Feuerwerk zusammenmischen, das dem Himmel über Berlin festliche bunte Lichter aufsetzt – zumindest virtuell, am Bildschirm. Immerhin knallt und blitzt es ganz real im Museumsraum, wenn der Besucher alles richtig gemacht hat. Die Pyrotechnik-Medienstation, an der man den Aufbau eines Feuerwerkskörpers und dessen chemische Bestandteile kennenlernen kann, ist, so viel steht nach knapp zwei Jahren nun fest, eindeutig die beliebteste Etappe der Ausstellung, in die wochentags viele Schulklassen kommen. Am Sonntag gibt es um 15 Uhr allerdings auch eine kostenlose öffentliche Führung, die sich viele Erwachsene gönnen.

Fast jeder der über 500 000 Besucher aus aller Welt, die Jahr für Jahr ins Technikmuseum pilgern, dürfte irgendwann in seinem Leben schon einmal eine Tablette eingenommen haben. Hier kann man erfahren, wie sie hergestellt wurde. Man kann sogenannte Exzenter-Pressen aus drei verschiedenen Epochen bewundern, in denen sie ihre endgültige Form bekommen. Mindestens so spannend ist es aber, sich über den vorgeschalteten langen Weg von der Idee zum Produkt schlau zu machen: Über die Forschungsarbeit im Labor mit ihren vielen Fehlschlägen, über das Problem der Tierversuche und über den Ablauf von klinischen Studien verschiedener Phasen.

Oder man lernt, dass es sehr oft anders kommt, als der Erfinder sich das gedacht hat. Ein schönes Beispiel dafür ist das Präparat Piperazin, das von seinen Erfindern eigentlich als Potenzmittel gedacht war – und das stattdessen überraschenderweise gegen die Gicht wirkte.

Eine Ausstellung, die das alles am Beispiel des ehemaligen Chemie- und Pharmaunternehmens Schering veranschaulicht, muss natürlich an prominenter Stelle über Hormonforschung informieren. Und sie darf das Thema Sexualität nicht aussparen. Schließlich war das erste europäische Mittel zur hormonellen Schwangerschaftsverhütung die Antibabypille „Anovlar“ von Schering. Sie wurde im Jahr 1961 eingeführt. In einem Hörraum, der ein bisschen aussieht wie die Kuschelecke eines Jugendclubs aus den 60er Jahren, kann man sich in Ruhe alte Tondokumente anhören. Sie beweisen, welche Aufregung das Kontrazeptivum in den ersten Jahren verursachte. Doch bis dahin war es ein mühsamer Weg. In den Anfangszeiten der Hormonforschung, in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, wurden noch Ovarien von 50 000 Schweinen gebraucht, um zwanzig Milligramm weibliche Hormone zu gewinnen.

So war es ausgesprochen segensreich, dass nach und nach immer mehr pharmazeutische Wirkstoffe und chemische Ausgangsmaterialien für andere Produkte synthetisch hergestellt werden konnten. Segensreich auch für die Umwelt. Ein schönes Beispiel, das kaum einer kennen dürfte, der noch nicht in der Ausstellung war: Billardkugeln wurden früher aus Elfenbein gefertigt. Bis die Firma Schering synthetischen Kampfer aus Kiefernharz produzierte. Daraus wiederum konnte Celluloid gefertigt werden, bestens geeignet als Material für die Billardkugeln.

Viele der Objekte aus Chemie und Pharmazie, die auf dem 400 Quadratmeter großen Areal zu sehen sind, stammen aus dem „Scheringianum“, dem Firmenmuseum der Schering AG, das 2006 in den Besitz der Schering Stiftung übergegangen war. Sie verweisen auf eine lange Geschichte: Schließlich kaufte Ernst Schering die „Grüne Apotheke“ in der Chausseestraße in Mitte, mit der alles anfing, schon im Jahr 1851.

Auf dem späteren Werksgelände der Firma im Wedding waren die lehrreichen Exponate allerdings schwer zugänglich. Mit über einer Million Euro hat die Schering Stiftung deshalb die neue Ausstellung möglich gemacht, die in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsches Technikmuseum konzipiert wurde und durch ein Begleitprogramm flankiert wird.

Adelheid Müller-Lissner

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